Von Klaus-Peter Schmid

Um große Worte und hehre Gesten war François Mitterrand, erster Sekretär der sozialistischen Partei Frankreichs und unglücklicher Präsidentschaftskandidat, noch nie verlegen. Seit er den Wettlauf zum Einzug ins Elysée im vergangenen Frühjahr knapp verloren hat, ist sein Stil noch pathetischer geworden. Selbst wenn Mitterrand in Polemik verfällt, erinnert er noch an einen Schauspielernder in theatralischer Manier Racine oder Corneille vorträgt. Sein jüngstes Buch, eine ebenso persönliche wie politische Chronik, paßt genau in dieses Bild vom gebildeten, etwas salbungsvollen Politiker, der zwar Sozialist ist, aber der Arbeiterklasse weit entrückt bleibt:

François Mitterrand: "La Paille et le Grain"; Flammarion, Paris 1975; 302 S., 32 Francs.

Spreu und Weizen, so doziert der Autor, sind gleichermaßen der Betrachtung wert. So vertraut; Mitterrand seiner Chronik zwischen 1971 und 1974 seine Gedanken zu den verschiedensten Themen an: Viel Historisches, Naturverbundenes, Porträts, wie zufällig aneinandergereihte Erinnerungen und Kommentare. Politische Erkenntnisse sind daraus kaum zu gewinnen, aber die Notizen sagen viel über den Mann, der um ein Haar Frankreichs Präsident geworden wäre.

Da ist zunächst der erdverbundene, naturhungrige Mitterrand. Mit Begeisterung berichtet er von seinen Dahlien, Margueriten und Zwergastern, von seinem Obstgarten. "Haben Sie jemals einer Amsel gelauscht, wie sie in der Still; singt, die den Abschied der Nacht vom Aufgan; der Sonne trennt? Wenn der Solist die ersten Noten anstimmt, antwortet ihm ein ganzes Flötenkonzert." Mitterrands Sonnenuntergänge sind Orgien an Stimmung und Farbe, seine endlosen Spaziergänge die unverdrossene Suche nach der blauen Blume. Hier ist das Glück am reinsten–nur getrübt vom Gewissensbiß des Sozialisten, daß Glück eigentlich Ungerechtigkeit bedeutet.

Solche Romantik findet sich beim Politiker Mitterrand wieder – als großväterliches Pathos, als wortgewaltiges Donnergrollen, als gutgemeinte Belehrung. Mitterrand ist ein gebildeter Mann, der dies auch gern zeigt. Er dachte zum Beispiel an Botticelli, als er die Wolkenkratzerkulisse von Manhattan zum erstenmal erblickte; er klammerte, sich an Stendhal, als er de Gaulle zum erstenmal gegenüberfand. Er zitiert Thukydides, Cato, Tschechow, Claudel (und sich selber). Und er weiß kunstvolle Aphorismen zu formulieren, die ein hohes Vergnügen am Spiel mit der Sprache verraten.

Gelegentlich wird der Leser an de Gaulle erinnert, der – so Mitterrand – "eine Sprache benutzte, die zum Träumen verleitete". Auch dieses Urteil über den General konnte fast für dessen Gegner Mitterrand gelten: "Beim Zuhören entstand das Gefühl, daß er zu allen möglichen Fragen großartige Pläne entwickelte und sich gleichzeitig selber überzeugte."