Ärzte und Pädagogen legen die Schwächen moderner Erziehung bloß

Von Theo Löbsack

Kinder brauchen Nestwärme. Sie wollen geliebt sein, und sie wollen sich zurechtfinden können in der Welt, in die wir sie hineingeboren haben. Sie wollen nicht überfordert sein von einer Gesellschaft, die das Leistungsprinzip übertreibt und ihnen deprimierende Zensuren dafür gibt, daß sie in manchen Schulfächern weniger schnell auffassen und nicht so rasch kombinieren können wie andere, allem Lerneifer zum Trotz. Kinder wollen tun und lassen können, was sie möchten. Sie mögen nicht eingezwängt sein in einen reglementierten Tageslauf, der mit dem viel zu früh rasselnden Wecker beginnt und mit Familienzank am Abend endet.

Aber all das müssen sie heute auf sich nehmen. „Die Zivilisationsphase“, schreibt der Kinderarzt Professor Adolf Windorfer im Deutschen Ärzteblatt, „bedroht unsere Kinder nicht nur, sie hat bereits schweren Schaden gesetzt an Leib, Geist und Seele.“ Windorfers Aufsatz liest sich wie eine Schuldenlatte unserer Zeit, die Erfolg und Leistung über alles, das schlichte Glück, die kostenlosen Erfreulichkeiten des Lebens aber höchst gering zu schätzen scheint.

Auch ein Pressegespräch kürzlich in München unter dem Thema „Kind und Leistung“, zu dem das „Kollegium der Medizinjournalisten“ bundesweit Kinderärzte, Pädagogen und Politiker geladen hatte, erweckte anfangs den Eindruck, als hätten Kinder für die Gesellschaft eine Leistung zu erbringen und nicht allenfalls eine Leistung für sich, als fordere man von ihnen ganz selbstverständlich ihren Beitrag zum Vorantreiben desselben Fortschritts, der ihnen heute zur Bedrohung gereicht.

Weiß man eigentlich, daß allein im Jahre 1972 in der Bundesrepublik 2114 Kinder im Straßenverkehr getötet und 71 379 zum Teil schwer verletzt wurden? Ist es nicht absurd, daß wir zwar eine hochentwickelte Ernährungswissenschaft haben, aber die Ernährung unserer Kinder – vom Vernachlässigen des Stillens an der Mutterbrust aus Bequemlichkeit bis hin zum Überangebot kariesfördernder Süßigkeiten – jeder Vernunft Hohn spricht?

Zu hohe Erwartungen