Von Andreas Kohlschütter

Taipeh, im Februar

Genau 2301 Meter beträgt die Entfernung zwischen dem äußersten Inselzipfel von Quemoy und dem Tschiaoyu-Eiland, zwischen dem einsamen Vorposten des antikommunistischen Minireichs von Tschiang Kai-schek auf Taiwan und dem Ableger des kommunistischen Riesenreichs von Mao Tse-tung auf dem Festland. Auf Sichtweite, getrennt nur durch einen schmalen Wassergraben, liegen sich die beiden Chinas weiterhin im hadernden Patt gegenüber und sehnen sich nach dem einen China – durch „Wiedereroberung“, wie sie es hüben nennen, durch „Befreiung“, wie sie drüben meinen.

Offiziell herrscht an dieser chinesischen Wasserfront, wo auf der einen wie auf der anderen Seite Dutzende von Divisionen Gewehr bei Fuß und Auge am Fernglas stehen, immer noch Krieg. Aber seit beinahe fünfzehn Jahren wird nicht mehr scharf geschossen; Im Einsatz stehen keine Soldaten mehr, sondern nur noch Propagandisten. Beide Parteien, lassen zwar weiter Granaten gegeneinander los, doch bloß an ungeraden Tagen und mit Flugblättern, nicht mit Sprengstoff gefüllt. Beide brüllen sich durch riesige Lautsprecher von Insel zu Insel Parolen zu. „Erhebt euch gegen Mao und seine Kohorten“, tönt es von der einen Küste, „Werft das Joch der amerikanischen Imperialisten und ihrer Lakaien ab“, schallt es von der anderen. Wenn günstige Winde wehen, dann steigen von Quemoy und von der anderen „Frontinsel“ Matsu Hunderte von Luftballons auf mit Geschenkpaketen für die in der „kommunistischen Hölle“ schmachtenden Brüder und Schwestern. Ihr Inhalt: Handtücher, Seife, Zahnpasta, Zahnbürsten, Zigarettene, Streichhölzer und Porträts von Tschiang Kai-schek.

Offiziell betrachtet sich Tschiang Kai-schek, der greise Präsident der „Republik China“, der sich von einer schweren Lungenentzündung nie mehr ganz erholt hat und sich seit Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken läßt, immer noch als Staatsoberhaupt von ganz China. An den Rollstuhl gefesselt, residiert er weiterhin nur „vorübergehend“ in der „Provinz Taiwan“, nur für die „Dauer der kommunistischen Rebellion“. Er leistet sich den Luxus einer kostspieligen Rückeroberungsarmee, von der ausländische Experten sagen, daß sie zu stark für die Verteidigung und zu schwach für jedes Angriffsunternehmen sei. Er hält sich einen aufgeblähten, riesigen Bürokratenapparat, sowohl eine Provinzregierung als auch eine Zentralregierung mit gesamtchinesischem Alleinvertretungsanspruch. Vierundzwanzig Jahre nach der Vertreibung durch die Kommunisten und dem Rückzug auf Taiwan tritt die „Plankommission für die Wiedergewinnung des Festlands“ regelmäßig zusammen. Eine „Regierungskommission für mongolische und tibetanische Angelegenheiten“ verfaßt unverdrossen ihre jährlichen Tätigkeitsberichte.

Dennoch: Der Festlandmythos ist auf Taiwan jährlichen die Bereitschaft zur Anerkennung der Inselrealität stärker geworden. Ohne die Staatsdoktrin vom „einen China“ aufzugeben, wurde doch eine Kehrtwendung hin zur taiwanesischen Verwurzelung und Selbstbegrenzung vollzogen. Festland, Rückkehr, Krieg und Sieg – sie werden auf morgen oder übermorgen verschoben. Taiwan heute, verständen als eigenständige, in sich geschlossene chinesische Gegengesellschaft gegen das China Mao Tse-tungs – das scheint die neue Parole zu sein. Sie klang sogar in Tschiang Kai-scheks Neujahrsbotschaft vom 1. Januar an: „Wir stehen am Ausgangspunkt einer neuen Ära, am Anfang der erfolgreichen Überwindung der kommunistischen Verderbtheit und der Errichtung eines neuen Chinas durch den Ausbau unserer Bastion der Freiheit.“

Jugend ohne Kraft?