„Der Geist der Mirabelle, Geschichten aus Bollerup“ von Siegfried Lenz. Bollerup hat natürlich seine Eigenheiten, möchte man mit Lenz sprechen. Schade nur, daß seine Bewohner keine Ostpreußen sind, denn dann hätte der Sprachwitz gerettet, was die allzu trockenen Einfälle zu wünschen übrig lassen: zwinkernde Verschmitztheit, durchtriebene Naivität. Was in Suleyken noch barfuß ging, der Autor, wirkt hier nachbarlichem Landleben allzu künstlich vermählt. Suleyken, das Lenz einst berühmt machte (er es und es ihn), bleibt nicht nur deshalb unterboten, weil in Bollerup alle Leute Feddersen heißen: Es ist auch eine Welt, die aus Sprache bestand, und wenn sie so seltsam klang wie das Masurische dieses Autors. Bollerup ist nicht einmal eine Ersatzwelt, denn sie besteht nur aus Redensarten. Die Geschichten vom Mann mit dem Holzbein, von der Hausschlachtung, von den Hintergründen einer Hochzeit, vom faulen Fisch und vom findigen Hund könnten überall spielen. Die „spezifische Art, auf Erlebtes zu reagieren“, ist nun mal auf dem Lande zu Haus. Der Autor nicht mehr. Farbflecken lyrischer Landschaftsbeschreibung fallen wohltuend auf. Die zwölf Feuilletons sind vor dem Einschlafen leicht gelesen und am nächsten Morgen vergessen. (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1975; 126 S., 16,80 DM.) Martin Gregor-Dellin

„Wie ich Filme mache“, von Jerry Lewis. Man kann ihn wohl nur genial oder unausstehlich finden. In diesem Buch, dem Mitschnitt eines College-Seminars, ist er unausstehlich: „The Total Film-Maker“ Jerry Lewis treibt aus einem pathologischen Minderwertigkeitskomplex einen enervierenden Geniekult mit sich selbst, schimpft hemmungslos auf den „Freudschen Mist“ oder die „rhetorischen Eskapaden der Cineasten und Intellektuellen“, auf das esoterische Treiben und die „Schnipseleien“ der „Avantgardeclique“, auf Produzenten, Geldleute, Schauspieler, seine Crew. „Psycho“ haßt er („Er hat die Grenze des Anstands überschritten“), den Schmachtfetzen „The Sound of Music“ liebt er („ein wunderbarer Film“, ein „Leitfaden“ für junge Filmmacher). Das Buch enttäuscht auch als Leitfaden eines Praktikers, der das Filmhandwerk wirklich „total“ beherrscht von Kalkulation, Produktion, Auswertung und Publicity bis zum Schreiben, Spielen und inszenieren: statt Theorie, Information, systematischer Exkurse nur impressionistisches und witzelndes, schnodderiges Geplauder, bis hin zum Konsens, zu Platitüden. Immerhin bietet Lewis aber viele mehr zufällige Einblicke in den Filmalltag und ein aufschlußreiches Psychogramm seiner selbst sowie seiner Figuren; im zweiten Teil stehen erstaunlich offenherzige Bekenntnisse über Kalkulations- und Verkaufstricks, über Schleichwerbung und über die Geldgier einer Branche, in der „der Diebstahl zum Teil des Gesamtkonzepts wird“. Und das abschließende Kapitel über Komik und Humor mit einer zärtlichen Würdigung der Kunst Stan Laureis versöhnt mit vielem. Die Übersetzung ist sachkundig, die kommentierte Bio-Filmographie knapp und sehr informativ. (Aus dem Amerikanischen und mit einer Bio-Filmographie von Rainer Gansera; Hanser Verlag, München, 1974; 196 S., Abb., 22,– DM.) Wolf Donner.

„Ein verlorenes Profil“, Roman von Françoise Sagan. „Lieben Sie Brahms ...“, fragte Françoise Sagan 1959 im Titel ihres vierten Romans. Im zehnten hat sie es wieder mit Musik. Da müssen wir lesen von den „symphonischen Ouvertüren meines Glücks“, den Mondscheinsonaten meiner Melancholien“, es erklingen „die tausend Trompeten des Begehrens, die tausend Tamtams des Blutes“, während die „tausend Violinen der Lust ihren Walzer anstimmen“, und das Leben der jungen Heldin wird „diese Art von Autobahn in der Sonne der Leidenschaft“, wo „von der Liebe verheerte Gesichter, Planeten aus zu Stein gewordener Asche“ dem „heftigen Geotropismus des gemeinsamen Begehrens“ widerstehen, bis endlich das Leben der jungen Dame in den „großen Händen“ eines Tierarztes zur Ruhe kommt, der – wie es sich für einen verliebten Veterinär gehört – „die hungrigen Wölfe meiner Triebe, die kreischenden Vögel meiner Ängste“ zum Schweigen bringt. Schon die Bildersprache verrät, daß die 1935 geborene Autorin schwülstiger formuliert als in den besten ihrer früheren Bücher, in denen Belanglosigkeit und Edelkitsch durch knappe, spröde Form vor dem Abrutschen in Kolportage bewahrt wurden. Was die Geschichte einer Befreiung hätte werden können, wird so zur oft unwahrscheinlichen, weil nachlässig motivierten Vorlage für einen Unterhaltungsfilm aus höheren Kreisen: Junge Frau flieht aus der Ehe mit einem krankhaft eifersüchtigen Amerikaner, gerät in die Fänge eines „Hais der Hochfinanz“, flüchtet aber, ehe der goldene Käfig zuschnappt, ins einfache Leben, zum lieben Vieh-Physikus aufs Land, wo sie bald, gesegneten Leibes, ihr fast verlorenes Profil wiederfindet. (Aus dem Französischen von Margaret Carroux; Ullstein Verlag, Berlin, 1975; 192 S., 26,– DM.)

Rolf Michaelis