Von Heinz Josef Herbort

Seine ersten Worte am Telephon klangen ungewöhnlich freundlich, aufgeschlossen, ansprechbereit. Da wußte er noch nicht, um was es ging, hielt er den Anrufer noch für einen potentiellen Auftraggeber (später blieb er so freundlich, aufgeschlossen, mitteilungsbereit). Er habe ständig Zeit – solch ein Satz verblüfft heutzutage, welcher Glückspilz kann solches schon von sich sagen?

Das Eckreihenhaus auf einem Siedlungsgelände im Winkel der beiden Startbahnen des Flughafens Hamburg-Fuhlsbüttel: draußen sauber gepflegte Rabatten und Büsche, drinnen mit Sparsamkeit und Fleiß erarbeitete und mit Sorgfalt bewahrte bürgerliche Wohnkultur, adrett, kein aufwendiger Luxus, die Lithographie an der Wand des Wohnzimmers stammt vom Sohn.

Auf dem Tisch ordentlich gereiht und gestapelt Briefe mit Köpfen vom Berliner Philharmonischen Orchester, vom Sender Freies Berlin und von der Staatsoper Unter den Linden, dazu ein Aktenordner mit dem Vermerk „Prozeß“. Auf dem Fußboden, der Größenordnung nach arrangiert, sieben Instrumente: Klarinette, Oboe, Englisch Horn, Violine, Sopran-, Alt- und Tenor-Saxophon (das Bariton ist zur Zeit außer Haus): „Dies ist“, sagte Erich Kludas und fuhr mit der Hand über die sieben Futterale, „mein Lebensinhalt, und ich bin stolz, daß ich jedes Instrument jederzeit nehmen und mit ihm auftreten kann.“ Erich Kludas – der Geschäftsführer eines großen Sinfonieorchesters wies auf ihn hin und empfahl ihn als einen „guten Musiker“ – gehört einer immer seltener werden Spezies an: Er ist „selbständiger Instrumentalist“. Im Jahre 1974 verdiente Kludas ganze 6000 (sechstausend) Mark.

Der statistische bundesdeutsche Durchschnittsmusiker, so sagt es die Künstler-Enquete, wäre ein älterer Herr, verheiratet, ohne Kinder, evangelisch. Er arbeitete noch immeran die fünfzig Stunden pro Woche, die Hälfte davon auf Proben, verdiente dafür rund 24 125 Mark im Jahr und läge damit um 5,8 Prozent über dem Durchschnitt aller künstlerisch Tätigen im Lande (22800 Mark) und sogar 21,8 Prozent über dem aller Arbeitnehmer (19 800 Mark).

Der statistische Musiker lebt in einer Mietwohnung und hält „Begabung“ neben einer „Spezialausbildung“ für die wesentlichen Grundla- – gen seines Tuns, gehört keiner politischen Partei an und hat eine fast siebenjährige Ausbildung hinter sich, wird von seinen Mitmenschen in eine Prestige-Kategorie eingereiht mit Postbeamten und Friseurmeistern, Polizisten und Facharbeitern, Schaffnern, Klempnern und Kellnern, empfindet sich dabei als „gut“ angesehen und meint allenfalls, seine Lehrer hätten besser, seine Allgemeinbildung umfangreicher, seine Erziehung zu Fleiß und Ausdauer intensiver sein können.

Der statistische Musiker wurde inzwischen „abhängig“, Angestellter oder, als Pädagoge, Beamter. Die Mitglieder der rund hundert „Kulturorchestet“ etwa sind fast ausnahmslos in öffentlicher Hand. Und der Prozentsatz derer, die noch als Selbständige fungieren – „Unternehmer“ nennt sie das Finanzamt und fordert von ihnen auf die Einnahmen aus Konzerten und Hörfunkproduktionen, selbst auf die Reisekosten-Erstattungen 5,5 Prozent „Mehrwert“- oder 4 Prozent „Umsatzsteuer“-Steuer – sinkt von Jahr zu Jahr: 1950 waren es im Gesamtdurchschnitt noch 32 Prozent aller Musiker, inzwischen sind es nur noch 25 Prozent. Vor allem die Musikerzieher flohen in den sozialen Schutz der Anstellung: 50 Prozent sind heute „abhängig“ gegenüber nur 22 Prozent 1950. Umgekehrt, befinden sich die noch verbliebenen selbständigen Musikpädagogen auf der untersten Sprosse der Einkommensteuer: Mehr als die Hälfte von ihnen verdient weniger als 12 000 Mark im Jahr, und die meisten dieser am Rande des Existenzminimums Dahinkrebsenden sind – Frauen.