Ein „Motor der Demokratisierung“

Von Ossip K. Flechtheim

Dies ist die erste umfassende, kritische Analyse innerparteilicher Opposition in der BRD. Repression und Integration verändern die SPD-Linke mehr als diese die Partei verändert. Die Dynamik der systemüberwindenden Perspektive scheint im Marsch durch die sozialdemokratische Institution verlorenzugehen“ – so lautet die Kurzankündigung des Verlages auf dem Waschzettel dieses Buches:

Joachim Raschke: „Innerparteiliche Opposition – Die Linke in der Berliner SPD“; Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 1974; 437 Seiten, 32,– DM.

Erstaunlicherweise hält der Verfasser dieses weitreichende Versprechen. Er, der selber in der Berliner Sozialdemokratie tätig war, hat in jahrelanger Kleinarbeit alles wichtige Material zur Entstehung, und Geschichte, Organisation, Operation und Funktion der linken Opposition in der SPD zusammengetragen, und zwar sowohl für den Landesverband Berlin wie auch für den Kreisverband Charlottenburg mit dessen „in der deutschen Parteiengeschichte einmaligem Organisationsgrad der Richtungsgruppen und einem – parteiensoziologisch fast sensationellen – siebenmaligen ,Machtwechsel‘ zwischen den Gruppierungen s.eit 1959“.

Raschke hat aber nicht nur so gut wie alle zugänglichen Originalberichte und Primärquellen sowie recht viel Sekundärliteratur ausgewertet, sondern darüber hinaus auch die wichtigsten Vertreter der Linken intensiv interviewt und die Charlottenburger Kreisdelegierten mittels von im Computer ausgewerteten Fragebögen „durchleuchtet“.

Die Wahl seines Themas rechtfertigt der Autor damit, daß die SPD in Berlin ein gutes Beispiel für innerparteiliche Auseinandersetzungen liefert. Die Möglichkeiten und Grenzen linker Opposition seien hier prinzipiell nicht anders als in anderen Teilen der Sozialdemokratie, wenn auch „der Formierungsgrad Westberlins stärker ist als der der BRD“ und „die Westberliner SPD-Mehrheit innerhalb der Gesamtpartei eher auf dem rechten Flügel“ stehe. Keine andere Partei kenne eine so lange Periode organisierter Gruppenkämpfe wie die Berliner SPD, wo sie schon 1950 begonnen haben. So haben wir einen guten Gradmesser dafür, wie groß „das Veränderungspotential der SPD-Linken“ unter wechselnden inner- und außerparteilichen Bedingungen ist;