Die Südsee-Eingeborenen mit deutschen Namen stammen noch aus der Kolonialzeit

Von Wolf Donner

Ewige Sonne, blaues Meer, gelbe Strände an glasklaren Lagunen, Palmen, Lieder, freundliche Menschen: ein Kitschfilm könnte das sein oder ein vager Traum vom wiedererstandenen Arkadien. Samoa erfüllt mit bestürzend unverkrampften, beschaulichen Bildern latente Sehnsüchte jedes „zivilisierten“ Menschen. Es liefert dem Besucher mit selbstgenügsamem Charme all jene Klischees, die zumal der Süd-Pazifik-Tourist sucht, all jene Träume und Illusionen von Südseezauber und Inselglück, vom einfachen Leben und von Ruhe, Frieden, Eintracht zwischen Mensch und Natur.

Samoa, das ist ein Idyll, gegen dessen sympathische Überzeugungskraft man unwillkürlich Ironie oder soziale Sachlichkeit mobilisiert, um ihm nicht zu erliegen; ein kleines Eldorado im Herzen der Südsee, das auch ausgebuffte Globetrotter, bornierte „Mir-san-mir“-Skeptiker in Seppelhosen und arrogante Weltreisende betroffen macht. Wer einmal in Samoa war, der stimmt in den Unisono-Chor einer melancholischen Gemeinde ein und schwärmt.

Über hundert Fremde sitzen in der langen offenen Festhalle von Aggie Greys Hotel und sehen den Mädchen auf der Bühne zu. Die bewegen rhythmisch den Oberkörper und die Arme zu ihren schwermütigen Liedern und würden an asiatische Zeremonientänzerinnen erinnern, wenn sie. nicht diese verwirrend natürliche Herzlichkeit und Lebensfreude ausstrahlten. Die Tänzer sind feuriger, geben komische und kriegerisch-artistische Einlagen und freuen sich dabei genauso wie beim anschließenden Servieren des Abendessens rund um den Swimming-pool.

Mindestens einmal in der Woche bieten Aggie Greys Angestellte die alten Lieder und Tänze Samoas dar; es sind neben denen der Maoris in Neuseeland und des benachbarten Tonga die schönsten, traditionsreichsten der Südsee. Immer gegen Ende der Vorstellung watschelt eine korpulente alte Dame auf die Bühne, lacht liebenswert und verschmitzt, schwingt graziös die Arme, wiegt sich und dreht sich, wackelt keck und sehr gekonnt mit den schweren Hüften. Und die Zuschauer jubeln.

Wenn Aggie Grey die Siva tanzt, den alten Liebestanz der samoanischen Mädchen, dann versteht man noch heute, warum sie die ungekrönte Königin der Südsee genannt wurde, warum Filmstars, Schriftsteller, Kriegshelden und Abenteurer ihr huldigten, warum ihr Hotel so legendär wurde wie sie selbst. 1897 als Tochter eines Engländers und einer Samoanerin geboren, hat sie sich von der Serviererin und Stehbudenverkäuferin über drei Ehen und unzählige, im ganzen Pazifik kolportierte Affären zur Besitzerin des größten Hotels im Lande hochgearbeitet, das sie 1948 als britischen Klub eröffnete.