Reisen und Taxifahren – das gehört zusammen. Ulrich Schmidt versucht sich in einer Taxiologie

Die Taxiologie ist ein Zweig der Reisewissenschaft, und zwar ein außerordentlich blütenreicher. Typen gibt es da! Einen ganzen Reisebericht kann man allein aus taxiologischen Informationen zusammenstellen. Denn auf jeder Etappe begegnet man neuen Typen und alten Tricks. Wenn man zum Beispiel zu den Komoren reist, zu den Parfüminseln bei Madagaskar. Solange man im Flugzeug sitzt, ist man einigermaßen geschützt. Aber auf der Erde weht ein anderer Wind. Da ist man immer zuerst einmal irgendeinem Taxifahrer ausgeliefert.

je weiter man nach Süden kommt, um so dreister werden sie. In Paris geriet ich an einen ganz ängstlichen. Der hatte einen Schäferhund neben sich sitzen. Als ich schräg nach vorn zeigte, wo ich aussteigen wollte, wurde der Hund wild, denn er hatte meinen Fingerzeig für einen Pistolenanschlag gehalten. Ich dachte, wenn er jetzt springt, kommst du nie zu den Komoren. Aber er sprang nicht.

In Marseille fährt man gern mit uneingeschalteter Zähluhr. Einer von den primitivsten Tricks, um Ortsfremde übers Ohr zu hauen. Hallo, Ihre Uhr steht! rief ich dem Fahrer zu. Hauptsache, der Wagen läuft, habe ich recht? fragte er freundlich zurück. Als ich am Ende der Fahrt seinen Preisvorschlag durch zwei dividierte, fing er ein herzzerreißendes Lamento an. Aber schließlich willigte er doch ein, und einen Augenblick lang schien es mir sogar, als habe das Gefeilsche auch ihm ein wenig Spaß gemacht.

Gar nicht spaßig, sondern ein Alptraum ist es, zwischen Mitternacht und Morgengrauen irgendwo in Afrika zu landen und auf ein Taxi angewiesen zu sein. Etwa in Djibouti, auf halber Strecke zwischen Nord und Süd, wo man immer nur nachts landet und die Taxifahrer darauf spezialisiert sind, schlaftrunkenen Flugreisenden das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ich hatte gar keins, jedenfalls kein brauchbares, und keine Ahnung von Währung und Wechselkurs und welches Hotel mich aufnehmen würde. Ein saudummes Gefühl, an der Seite eines stummen, augenrollenden Kidnappers in die finstere Nacht hineinzupreschen und mit jeder Fahrtsekunde tiefer in seine Abhängigkeit zu geraten. Ich hätte mich gern ein wenig mit ihm unterhalten, schon um die Situation zu entschärfen. Aber er bot keinerlei Anknüpfungspunkte. Nicht einmal eine Zähluhr hatte er. Als er mich nach umschweifiger Quartiersuche endlich doch an einer zivilisierten Herberge absetzte, half mir der Portier aus aller Not, indem er sich bereit erklärte, den Fahrer angemessen zu entlohnen und den Betrag auszulegen. Ein edler Mensch, ein Helfer in Taxisachen.

Die Bewohner der Komoren sind ein ausgesprochen liebenswertes Völkchen. Doch das merkt man erst später. Zunächst einmal hat man es ja mit den Taxifahrern zu tun, und die komoreanischen sind die unverschämtesten der Welt. Dreitausend Francs (33 Mark) sollten die achtzehn Kilometer vom Flugplatz Hahaja bis zur Hauptstadt Moroni kosten. Ich handelte auf die Hälfte herunter und erfuhr erst später, daß ich immer noch das Fünffache des üblichen Preises gezahlt hatte.

Dabei sind die Komoren-Taxis so klein, daß vier Kunden nur dann Platz haben, wenn sie Arme und Beine draußen lassen. Meist sitzen aber mehr drin. Man fährt in der Sammelfuhre und drückt beim Aussteigen dem Fahrer als Einheitstarif einen zerknautschten Fünfzig-Francs-Schein in die Hand. Als ich das kapiert hatte und bei nächster Gelegenheit fünfhundert zahlen sollte und dem Mann wortlos, aber freundlich einen zerknautschten Fünfziger in die Hand drückte, lachte er wie ein ertappter Lausbub und war zufrieden.