Die notleidende britische Sportwagenfirma Aston Martin sucht verzweifelt einen Käufer

Noch wollen sie nicht endgültig daran glauben: Viele Facharbeiter, die am Tag vor Silvester bei der halbtoten britischen Sportwagenfirma Aston Martin ihre Arbeit verloren, haben nur vorübergehend Jobs angenommen. „Sie verkaufen Zeitungen oder spielen Milchmann“, sagt Verkaufsdirektor, Fred Hartley; denn sie warten immer noch darauf, zu ihrer eigentlichen Tätigkeit zurückgerufen zu werden, dem Bau von ebenso schnellen wie teuren Sportlimousinen.

Am selben Tage, als die Arbeiter gingen, setzte sich bei der notleidend gewordenen Aston Martin Lagonda Limited der Liquidator Michael Clarke ans Steuer. Am 23. Januar gaben dann die Gläubiger dem als Manager wirkenden Liquidator eine Frist von sechs Monaten, um einen Käufer zu finden, der das Unternehmen fortführen konnte. Doch obwohl inzwischen verschiedene Interessentenvorschläge bei Clarke eingingen, kam er doch seinem Ziele nicht näher: Die Firma kann vorerst nicht leben und nicht sterben.

Der Kampf Aston Martins ums Überleben begann schon vor über einem Jahr. Von der Ölkrise getroffen und mit teuren Abgastests zur Qualifikation für den um weltempfindlichen US-Markt konfrontiert, wandte sich die feine Sportwagenfirma im Januar 1974 an das britische Industrieministerium um Hilfe. Ernüchternde Antwort: Sie solle es doch erst einmal bei privaten Geldgebern versuchen. Als dies fehlschlug, kam Aston Martin im Herbst zu Minister Tony Benn zurück, der gegen die Empfehlungen eines besonderen Beirats im Ministerium Hilfe versprach, allerdings unter Bedingungen, welche die finanzschwach gewordene Firma nicht erfüllen konnte. Die Firma werkelte sich abwechselnd im Rückwärtsgang und im ersten Gang bis zum Jahresende durch, bis dann der Liquidator in der Fabrik in Newport Pagnell (Buckinghamshire) einzog.

Inzwischen traten nun zwei nordamerikanische Autoenthusiasten auf, die sich anheischig machten, die Sportwagenfirma zu retten. Und Wirtschaftsprüfer Norman Cork bastelte für eine Gruppe von Gläubigern an einem Plan, die Prestigemarke Aston Martin für Britannien zu bewahren. Wenn die Firma, die sich bisher bei einer Jahresproduktion von weniger als 300 Wagen (Stückpreis: 14 000 Pfund) den Luxus einer eigenen Motorenfertigung erlaubte, nur fünf bis sechs Autos pro Woche herstelle, so lautete die Kalkulation, dann könne sie mit einem Jahresgewinn von über 300 000 Pfund vor Steuern rechnen und den Personalbestand von 500 Leuten auf weniger als 3C0-Mitarbeiter abbauen. Zum Gelingen soll dabei die Regierung eine dreiviertel Million Pfund beisteuern. Und damit der für die Bildung von Arbeiter-Ko- – operativen schwärmende Minister Benn anbeißt, sieht der Cork-Plan vor, das von der Regierung gespendete Kapital in eine Art Stiftung einzubringen, von der die Arbeiter profitieren würden.

Während Aston Martin auf diese Weise gerettet werden soll, wächst die Krise in der britischen Autoindustrie unaufhaltsam weiter. British Leyland wird nur durch staatliche Garantien am Leben erhalten; über das Schicksal dieses „nationalen“ Autokonzerns brütet derzeit eine Sonderkommission unter Leitung des Industrieberaters der Regierung, Sir Don Ryder. Alle großen Automobilwerke haben Entlassungen vorgenommen und Kurzarbeit eingeführt. Die Zukunft der britischen Betriebe des US-Konzerns Chrysler ist besonders ungewiß geworden, nachdem in Detroit beschlossen wurde, das nächste Modell nur bei der Chrysler-Tochter Simca in Frankreich bauen zu lassen.

Schwere Einbußen haben vor allem die Hersteller von Sportwagen und teuren Sportlimousinen erlitten, die dem britischen Automarkt sein besonderes Gepräge geben. Die Absatzzahlen von Lotus und Jensen haben sich im letzten Jahr in Großbritannien fast halbiert. Kjell Qvale, der amerikanische Chef der Firma Jensen, drohte bereits im Oktober damit, den Betrieb zu schließen, weil „die Arbeiter sich offenbar einen Dreck darum scheren, ob wir es schaffen oder nicht“. Doch der Amerikaner hat nicht zugemacht, sondern die Belegschaft vermindert. Nach der noch rollenden Entlassungswelle wird Jensen nur noch etwa 700 statt 1250 Beschäftigte haben.