Von Ulrich Kaiser

Der kleine Dicke in den enganliegenden Hosen und dem halbvollen Bierglas in der Hand kam herüber und maulte: „Weeste, watte nich hast? Keenen Bums haste nich! Du biss keen Killer und wirstes ooch nich lernen!“ Der Junge, dem die doppelt-dreifache Verneinung galt, spielte mit einem Anhängsel, das er an einer Lederschnur um den Hals gehängt trug. Das Ding stellte sich als eine roh aus Eisen gefeilte Faust heraus. „Ick habe es im Schwimmbad jefunden – ist doch ’n jutes Zeichen, wa? Ausgerechnet ick finde so ’ne Faust! Muß doch wohl Glück bringen, wa?“ Der kleine Dicke indessen wurde aggressiver: „Trinksse wenigssens ’n Bier mit?!“ „Nee“, sagte der mit der kleinen Eisenfaust auf der Brust, „weeste doch – ick sauf nich!“ Der andere: „Saufen tuusse nich, roochen tuusse nich, mitte Weiber hasses nich, und ’n richtigen Bumms hasse ooch nich. Aus dich wird ooch nischt!“

Er ging. Das Glas war leer.

Der Junge mit der kleinen Eisenfaust auf der Pulloverbrust grinste ein bißchen verlegen und zuckte mit den Achseln. Er heißt Frank Wissenbach und ist siebzehn Jahre alt. Er ist der jüngste Berufsboxer in Deutschland. Für seine Kämpfe benötigt er noch eine Ausnahmegenehmigung. „Das können die nicht verstehen“, sagt er mit einem Kopfnicken zur Theke, „ich trinke nichts, und auch sonst gehe ich nicht mit, wenn sie was aufreißen. Ich bin doch Profi und muß danach leben. Ich will was werden!“

Frank Wissenbach ist Berliner, Tempelhof. Er hat zwei kleine Brüder, Zwillinge, die boxen auch. Ein älterer Bruder hat das Boxen aufgegeben, als er jetzt heiratete. Der Vater ist Krankenpfleger. Sie wohnen in einer Zweieinhalbzimmerwohnung. „Det jeht schon“, sagt Frank Wissenbach, „ick bin ja meistens in der Boxschule beim Training!“

Er war gerade fünfzehn – da ergab es sich, daß Fritz Gretzschel wieder zurück nach Berlin kam. Der gleiche Gretzschel, der einst den Weltklassemann Gustav Scholz „machte“ und in der Branche als seriöser Promoter galt. Mit sechzig hatte er eigentlich die Nase voll vom Boxen und zog mit seiner Frau zu einem geruhsamen Lebensabend nach, Teneriffa. Er sagt: „Ich wäre ja dort geblieben bis zu meinem Tod. Aber, was meine Frau ist, der wurde das mit der Zeit zu langweilig. Ist ja auch zu verstehen. Wenn sie in Berlin einkaufen ging, dann kannte man sie, dann, sagten die Leute ‚Guten Tag, Frau Gretzschel‘ und machten die Tür auf. In Teneriffa war sie nur eine von den vielen Deutschen, die sich dort angesiedelt haben. Sie wollte wieder nach Berlin. Und ich habe gesagt, wenn ich wieder nach Hause gehe, dann mache ich wieder Boxen!“ Fritz Gretzschel macht also wieder Boxen.

Am Anfang zog er durch die Boxschulen und Vereine der Stadt und suchte nach Talenten. Er fand unter anderem den leichten Mittelgewichtler Eckart Dagge und den Schwergewichtler Bernd August. Er zahlte ihnen zunächst Gehälter, ließ sie trainieren und Erfahrung sammeln. Dagge steht heute sogar in manchen Weltranglisten.