Frankfurt

Wer im Rollstuhl sitzt und mit der Deutschen Bundesbahn reist, sollt im Gepäckwagen mit. Dafür wird ihm einiges geboten: Das Abenteuer, überhaupt den Zug zu erreichen; die Spannung, bis er in den Packwagen gehievt ist; die Gesellschaft von Stückgilt, Frischfleisch und Geflügel; frische Luft aus allen Ecken; ein dauerhaftes Blasentraining, weil im Zug immer und auf den Bahnhöfen in der Regel keine Toiletten zugänglich sind. Wer also das Besondere liebt, Abenteuer nicht scheut, dem kann die Bahnfahrt im Rollstuhl nur empfohlen werden.

Nun haben jüngst Behinderte gegen den am 31. Januar in Kraft getretenen Reisegepäckstückgut-Tarif protestiert. Sie kritisieren, daß die Rollstühle der durch Krieg, Verkehrs- oder Arbeitsunfall Behinderten kostenlos transportiert werden, während die durch Krankheit oder von Geburt an Behinderten bis zu. fünfzehn Mark zu zahlen haben. Was unterscheidet nun den Rollstuhl eines Kriegsbeschädigten vom Rollstuhl eines Poliogelähmten? Auch nach langem Nachdenken fällt einem da kein Unterschied auf. Gewiß Stoff genug für eine Doktorarbeit.

Kriegsversehrte sowie Arbeits- und Verkehrsopfer sind vom Gesetzgeber an allen Ecken und Enden bevorzugt: Die einen haben fürs Vaterland gekämpft, die anderen im Arbeitsleben ihren Mann gestanden. Nur die durch Krankheit Behinderten haben weder gekämpft noch produziert. Sie sind einfach da. So ist es eigentlich nur konsequent, wenn die Bahn aus lauter Humanitätsduselei nicht davor zurückschreckt, auch die Rollstuhlfahrer säuberlich zu trennen. Zudem haben viele „Zivil“-Behinderte sowieso noch nicht viel erlebt. Und wenn sie schon das Abenteuer Bundesbahn suchen, sollen sie dafür auch bezahlen: Fünfzehn Mark sollte einem Sozialhilfeempfänger, der im Rollstuhl sitzt, das Abenteuer schon wert sein. So hat man sich’s wohl gedacht. Denn die Deutsche Bundesbahn wird ja wissen, warum Rollstuhl nicht gleich Rollstuhlist. Ernst Klee