In der rennfreien Zeit zwischen Silvester und Mitte Februar, wenn der Galopprennsport seine Winterpause einlegt, wird auch im Turf Bilanz gezogen. Die Bilanz der Saison 1974 fiel dabei – mindestens was die geschäftliche Seite angeht – nicht ganz so erfreulich wie in vorangegangenen Jahren aus. Der Wettumsatz stieg nur um sechs statt der erwarteten zehn Prozent. Vom Wettgeschäft aber hängt der gesamte Rennbetrieb ab, denn erst durch die Abzüge von den Wetteinsätzen können die Rennpreise überhaupt finanziert werden.

Im Direktorium für Vollblutzucht und Rennen verweist man auf die Fußball-Weltmeisterschaft, die das Sportinteresse der Nation fesselte und damit, ebenso wie eine ausgeprägte Schlechtwetterperiode im zweiten Teil der Saison, verhinderte, daß die Wetter ihr Portemonnaie wie erwartet öffneten. Trotz allem flossen erstmals mehr als 100 Millionen Mark, genau sogar 104 Millionen, durch die Totokassen der Rennbahnen. Mehr als 20 Millionen Mark wurden an Rennpreisen und Züchterprämien ausgeschüttet.

Sportlich war 1974 das Jahr von Marduk. Ihn, den Derby-Sieger aus Hein Bollows Kölner Stall, wählte die große Mehrheit aller Einsender bei der Zuschauerwahl zum „Galopper des Jahres“. Marduk bestätigte die alte Turf-Weisheit, nach der das glücklichste Pferd das Blaue Band gewinnt. Aber der von Orsini stammende Braune bewies seine Klasse später auch mit Siegen im Großen Preis von Baden und im klassischen Saint Leger. Er polierte das schon etwas angekratzte Image seines Jahrgangs wirkungsvoll auf und erwarb sogar internationales Ansehen. Marduk wurde zum Washington D.C. International, dem bedeutendsten Einladungsrennen der Welt, in die USA geschickt. Aber auf der kleinen Bahn von Laurel Park war der speedbegabte Hengst so gar nicht in seinem Element und endete nur unter ferner liefen. 1975 soll er sich dennoch weitere Meriten im Ausland verdienen, Trainer Bollow hat Expeditionen nach Frankreich und England ins Auge gefaßt.

1974 war für Hans-Heinrich von Loeper das erste Jahr als Generalsekretär der Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen, der Galoppsports, tungskörperschaft des deutschen Galoppsports, die in diesen Tagen 25 Jahre alt wurde. Der nach dem Krieg ins Abseits gedriftete Galopprennsport, der lange keinen richtigen Anschluß an Wirtschaftswunder und allgemeinen Aufschwung finden konnte, soll attraktiver werden. „Weg vom Reagieren – hin zum Planen der Zukunft“, so lautet von Loepers Devise. Nicht alles, was er gern verändert hätte, hat sich im ersten Jahr seiner Tätigkeit verändern lassen, dennoch kann er Ohne Ergebnisse vorweisen.

Ohne Geld ist die dringend erforderliche Modernisierung der Rennbahnen nicht zu leisten. Die Klage über das vor Jahren verlorene Wettmonopol des Galopprennsports, jahrelang eine Pflichtübung der Rennsport-Funktionäre, erwies sich als Mittel effektiv. Mehr Aussicht auf die nötigen Mittel bietet das Rennquintett, eine Pferdelotterie, die ähnlich wie Lotto und Von unter staatlicher Aufsicht durchgeführt wird. Von Loeper des wesentlichen Anteil an der Durchsetzung des anfangs nur in Nordrhein-Westfalen gestarteten Spiels, das inzwischen in allen Bundesländern, bis auf Schleswig-Holstein und Berlin, eingeführt ist. In Nordrhein-Westfalen stieg der Rennquintett-Umsatz im abgelaufenen Jahr um stolze 19,7 Prozent auf nahezu 40 Millionen Mark an. In jeder Woche wird abwechselnd auf Galopp- und Trabrennbahnen ein Rennquintett-Rennen entschieden, bei dem der Wetter die ersten fünf von 18 Pferden in richtiger Reihenfolge voraussagen muß.

Noch reichen die für den Turf abfallenden Mittel zum Bau neuer Rennbahnen oder auch nur neuer Tribünen nicht aus. Die Bauten der meisten Rennbahnen, stammen aus der Zeit um die Jahrhundertwende und wären eigentlich erneuerungsbedürftig. Von Loeper: „Die Verbesserung des Service ist auch 1975 unser Hauptproblem.“ Auch, wenn sich Neubauten nicht ohne weiteres aus der Erde stampfen lassen, soll doch mit einem ganzen Katalog von Maßnahmen mehr für die Besucher getan werden. Mehr Information für die Zuschauer, vor allem auch die neuen, die den Rennsport erst kennenlernen wollen, wird schön geboten. Viele auch mit wenig Aufwand einzurichtende Änderungen regte der Generalsekretär an. Doch die Rennvereine als (Ausrichter der Veranstaltungen ziehen hier noch nicht wie gewünscht mit.

„Wir machen Umsätze wie eine Industrie. Wir wollen eine Industrie sein“, sagt von Loeper. Das föderale System des Rennsports, bei dem jeder Rennverein, mancher mit äußerst geringer Kapitaldecke, autonom ist, hemmt aus seiner Sicht eher den Fortschritt. Eine Umstrukturierung „so bald wie möglich“ hält er für geboten. Ein kaufmännisch ausgerichtetes Management, wie es der Trabrennsport mancherorts schon vorweisen kann, ist auch für den Galopprennsport erstrebenswert.