Der Senior der deutschen Theaterkritik, Herbert Ihering, der, könnte er in diesem Jahr seinen Geburtstag feiern (er kann es nicht: er ist an einem 29. Februar geboren), 87 Jahre alt würde, ist bei Berliner Premieren noch immer mit von der Partie: Aus dem rüstigen Mann ist ein zierlicher alter Herr geworden, ein zarter Greis, den gegen alle Hinfälligkeit von Alter und kürzlich überstandener Unfall-Krankheit wohl weniger Unverwüstlichkeit als eine lebenslang bewiesene Charakterfestigkeit auf den Beinen hält. Nun ist sein Gesicht so geworden, wie er nie geschrieben hat: pergamenten, wächsern, ätherisch. Er sitzt da im Theater, behütet von seiner sorgsamen Frau, und spricht nicht mehr mit, gibt keinen Ton mehr an. Aber es ist keine Ungezogenheit zu erwähnen, daß er den Berliner Schauspielern immer noch was hustet. Wenn Ihering sein notorisches Räuspern vernehmen läßt, eine merkwürdige Mischung aus Chuckle und Heiserkeit, aus Zustimmungsseufzer und Atemnot, dann geht die Irritation auf der Bühne und im Publikum blitzschnell in die Wonne des Mitwissens über: Herbert Ihering ist dabei.

Er schreibt nicht mehr; nichts, was man heute gedruckt lesen könnte. Und dennoch hat er sich jetzt mit einem Buch zu Wort gemeldet, das zu den aufregendsten Theaterschriften seit fast einem halben Jahrhundert gerechnet werden kann, seit jener Zeit nämlich, als die Texte, die nun gesammelt vorliegen, zum erstenmal erschienen sind. Der Band von Herbert Ihering: "Der Kampf ums Theater und andere Streitschriften – 1918 bis 1933", herausgegeben von der Akademie der Künste der DDR (Henschelverlag, Ostberlin, 1974; 480 S., 18,– DM), ergänzt die große dreibändige (vergriffene, im Westen nie erschienene) Ausgabe der Theaterkritiken. Er enthalt Beiträge, die mehr betreffen als einen Premierenanlaß, die sich vielmehr mit allgemeinen Theater- und Gesellschaftsproblemen der zwanziger Jahre, besonders des Berliner Theaters, polemisch und pädagogisch auseinandersetzen. Ihering hat die für einen Pamphletisten beste Voraussetzung: Er muß nicht Position "beziehen" (wie eine jeweils neue Wohnung), er hat eine Position. Er ist entschieden gegen die bloße Geschäftemacherei und Effekthascherei beim Theater (also gegen Reinhardt) und ebenso entschieden für die kritische, analytische, gegenwartsklärende Funktion des Theaters (also für Brecht, also für Piscator). Aber nicht etwa als Rückblick auf Theaterströmungen und Bühnenquerelen der Zwanziger erscheint uns nun das Buch, sondern als aktueller Kommentar zu den Fragen, die uns seit Jahrzehnten, die uns auch zur Zeit bewegen. Ob Ihering über den"Volksbühnenverrat" klagt oder über "die vereinsamte Theaterkritik", über eine "Etappendramaturgie" oder, 1932, über "Die neue Inquisition", immer trifft er einen Nerv auch unserer Gegenwart.

Aber all diese Aufsätze haben ihren ersten Elan darin, daß sie nicht theatralisch, sondern politisch gemeint sind, daß sie von einem warnenden, hellhörigen Geist kommen. Dafür ist der beste Beleg die Glosse "Die kleinen Redensarten", aus der wir hier Auszüge drucken. Daß der Polemiker der zwanziger Jahre auch für uns wieder zum Warner wird – es macht unsere Zeitgenossenschaft zu einer makabren Nachwelt.

Dieter Hildebrandt