Von Heidi Dürr

Für Hans H. Mischell war der Kunsthandel zunächst nur eine Notlösung. Nach der Währungsreform des Jahres 1948 war der approbierte Göttinger Assistenzarzt plötzlich arbeitslos geworden, weil die Krankenhäuser ihre Jungärzte nicht mehr bezahlen konnten. Zusammenmit zahlreichen Jüngern des Hippokrates mußte Mischell versuchen, auf andere Art seinen Anteil an der neuen Währung zu verdienen.

Als einer seiner Freunde auf die Idee kam, die dörflichen Tauschzentralen der Umgebung nach Objekten abzugrasen, die man den Soldaten der Besatzungsmächte als Souvenirs verkaufen konnte, machte er mit. Mit den besonders bei den Amerikanern beliebten „Meißen-Püppchen“ betrat der gelernte Mediziner, der bis dahin keinerlei Ahnung vom Kunstgewerbe vergangener Jahrhunderte hatte und sich die notwendigen Kenntnisse erst später aneignete, den Vorhof des Antiquitätenhandels. Heute gehört Mischell zu den renommiertesten deutschen Kunsthändlern. Seine Spezialität: Europäisches Porzellan des 18. Jahrhunderts und altes Silber.

Boris Kegel-Konietzko, Fachmann für afrikanische Plastik, begann seine Kunsthändlertätigkeit vor Ort – auf dem schwarzen Kontinent. Der Diplombiologe, Sohn eines reisenden Völkerkundlers und einer Antiquitätenhändlerin, der „in einem Milieu aufwuchs, in dem ich eher eine Baule-Ahnenfigur von einer Senufo-Plastik als einen Hanomag von einem Opel unterscheiden konnte“, erhielt Anfang der fünfziger Jahre vom Brüsseler „Institut Royal des Sciences Naturelles de Belgique“ einen Auftrag zur Erforschung der Seen im damals noch belgischen Kongo. Als das Projekt abgeschlossen war, blieb Kegel-Konietzko in Afrika. Er arbeitete als Kaufmann, Autovertreter, Forstwirt und Zoodirektor. Auf allen seinen Reisen, auf denen er Kontakte zu zahlreichen Negerstämmen bekam, kaufte er Kunstwerke dieser Völker und schickte sie an seine Mutter in Hamburg, die sich mittlerweile auf Afrika-Kunst spezialisiert hatte. Erst 1963 kehrte Kegel-Konietzko endgültig in die Hansestadt zurück, um das Geschäft im Elbvorort Blankenese zu übernehmen.

Der Düsseldorfer Alfred Schmela begann mit Kunst zu handeln, nachdem er sieben Jahre lang selber Kunst produziert hatte. Er wechselte die Fronten, weil er erkannt hatte, daß er „kein Matisse oder Picasso“ war. „Und nur ein ganz guter Düsseldorfer Maler zu sein, das reichte mir nicht.“ So widmete er sich seit 1957 avantgardistischen Künstlern, denen er – oft zu Recht – spätere internationale Bedeutung beimaß, – beispielsweise der Gruppe „Zero“ (Mack, Piene, Uecker), später Joseph Beuys und den amerikanischen Pop-Artisten.

Diese drei Kunsthändler-Lebensläufe sind, so sehr sie sich auch voneinander unterscheiden, symptomatisch für die gesamte Branche. Denn im Kunsthandel ist die Regel, was in anderen Berufen die Ausnahme bildet oder ganz unmöglich ist: der Selfmademan. Für den Kunsthändler gibt es kein Berufsbild, keinen vorgeschriebenen Ausbildungsweg und schon gar kein verbindliches Berufsethos. Kunsthändler wird man nicht, man ist es eben. Ausgenommen sind nur die Antiquare, die Händler alter Bücher, die – zumindest als Angestellte – eine Antiquariats- oder Buchhandelslehre nachweisen müssen.

Für die anderen Kunsthandelssparten gibt es zwar Ausbildungsmöglichkeiten, aber sie werden, selten wahrgenommen. So kann man beispielsweise bei einem Antiquitätenhändler eine kaufmännische Lehre mit anschließender Prüfung vorder Industrie- und Handelskammer absolvieren. Bei dem Examen müssen Grundkenntnisse der künstlerischen Stile und Techniken nachgewiesen werden. Ein anderer Weg ist eine Art Praktikum in einer Galerie für moderne Kunst. Auf diese Weise hat zum Beispiel der Kölner Galerist Rudolf Zwirner seine Kenntnisse von Kunst und Kunsthändel erworben. Nach abgebrochenem juristischem und kunsthistorischem Studium arbeitete er jeweils ein Jahr bei dem Kölner Galeristen Hein Stünke und dem Berliner Auktionator Gerd Rosen. Dann tat er sich weitere zwölf Monate in Paris um und übernahm anschließend, ehe er sich selbständig machte, das Sekretariat der zweiten „documenta“ in Kassel.