Für die deutsche Energiewirtschaft stellt sich ein neues Problem: Wie können Kernkraftwerke stillgelegt werden?

Das ist eine ganz günstige Lösung“, meinte Werner Osel, Sprecher des Elektrokonzerns Siemens. Und Manfred Kempken, Regierungsdirektor im Bundesforschungsministerium, freute sich: „Bonn wird das jedenfalls nichts kosten.“

Er hatte besser gesagt, nichts „mehr“ kosten. Denn 130 Millionen Mark hat der Staat bereits für das Kernkraftwerk Niederaichbach ausgegeben, dessen Ende nun auch offiziell gekommen ist.

In einem „Vertrag über die Beendigung des Liefervertrages“ haben Forschungsminister Hans Matthöfer und Siemens-Chef Bernhard Plettner jetzt besiegelt, was sich eine Kommission in Monaten erarbeitet hatte: Das von Siemens im Auftrag der bundeseigenen Karlsruher Gesellschaft für Kernforschung errichtete und am 1. August 1974 wegen erwiesener Unwirtschaftlichkeit abgeschaltete Prototyp-Kernkraftwerk soll erst einmal unter „sicherem Einschluß“ (Kempken) so verwahrt werden, daß es „mit minimalen? Aufwand ständig überwacht werden kann“.

Dabei hat Siemens das Recht, die verwertbaren Teile, insbesondere das leicht angereicherte Uran sowie das schwere Wasser, auszubauen und zu veräußern. Doch das Recht entpuppt sich eher als eine Pflicht. Die erforderlichen Arbeiten werden voraussichtlich 20 bis 24 Millionen Mark kosten; der Ertrag hingegen ist ungewiß. Jedenfalls sei es aber, so Osel, „keine finanzielle Affäre“.

Als Affäre werten die Partner auch den ganzen „Fall Niederaichbach“ nicht. Sie hatten versucht, mit Hilfe einer neuen Technologie den deutschen Kernkraftwerkbau voranzubringen: In Niederaichbach arbeitete ein gasgekühlter Druckröhren-Reaktor, die Station wurde zunächst mit Natururan, später mit leicht angereichertem Uran betrieben. Daß derartige Schritte auf technischem Neuland leicht zu wirtschaftlichen Fehltritten werden, ist: für die beamteten Forscher in Bonn wie für die Entwicklungsabteilungen großer Unternehmen keine neue Erfahrung.

Obwohl das Experiment gescheitert ist, werden die Beteiligten in Niederaichbach noch einmal Neuland betreten. Die Einigung zwischen Siemens und dem Forschungsministerium ist nur die „Phase eins“. In „Phase zwei“ soll endgültig über das Schicksal der Kraftwerkruine befunden werden. Noch ist ein Problem ungelöst: Wie legt man für immer ein Kernkraftwerk still? Eine Frage, die sich für jede Anlage nach 40 bis 60 Jahren Betriebsdauer stellt: Noch können sich Bonn und Siemens dabei nicht an Vorbildern orientieren. Zwar wurden etwa in den USA schon einige kleinere Forschungsreaktoren zu Grabe getragen, das heißt, im Wüstensand vergraben. „Doch“ so Kempken, „wir hier haben leider keine Wüsten.“

In jedem Fall aber würde ein totaler Abriß sehr viel Geld kosten. Kempken vermutet, es könne „leicht ein dreistelliger Millionenbetrag“ dabei herauskommen. So werden für Niederaichbach auch Kompromißlösungen untersucht. Eine Möglichkeit: Der Komplex könnte in ein neues Kernkraftwerk an Ort und Stelle einbezogen werden. Der Standort ist schließlich schon genehmigt. rf