ARD, Donnerstag, 20. Februar: „Titel, Thesen, Temperamente“, ein Kulturmagazin

Ich hatte Angst vor diesem Bericht. Ich fürchtete, man werde zum hundertstenmal Kastanien und Ziehbrunnen, das Herbstlaub von Ischl, Wiener Maskeraden und den kleinen Wartesaal in der Provinz zeigen: Schachbretter und Dominosteine, die Gaslampen und verrauchten Wände eines Caféhauses – an der Theke die blonde Kassiererin und im Hintergrund die Tarockspieler mit den Kaiserbärten. Die kleine Welt des großen Joseph Roth. Österreich-Ungarn: auf den Begriff gebracht von einem Schriftsteller, dem es gelang, die Epoche des Fin de siècle mit Hilfe ganz weniger, immer wiederkehrender Chiffren einzufangen. Die Fledermäuse (das Symbol der Melancholie), die gekreuzten Hände des Todes, der Abschied, das Enkeldasein, der Herbst, die kalte Sonne der Habsburger (aber es war doch eine Sonne gewesen), das erstarrte Ritual des Zweikampfs und der Tischordnungen, Grillparzers Traurigkeit (die für Roth so etwas wie die Summe aller Traurigkeiten war: Inkarnation Kakaniens), die Hauptstadt, die auf das ostjüdische Provinzdorf und das Provinzdorf, das auf die Hauptstadt verweist. Bälle, Logen und Maskeraden, der Kaiser in Schönbrunn und immer wieder der Tod.

Ich hatte Angst vor dem Versuch, diese unverwechselbare Welt, mit ihren Offizieren und Dirnen, Wucherern und Beamten auf den Bildschirm zu bringen. Ich fürchtete mich vor der Stimme, die im habsburgischen Tonfall (der Diktion der gebildeten Stände, die Roth mit Gitarrenklängen in der Nacht verglich) die Illustrationen kommentieren würde: „Die Zigeuner der Puszta, die subkarpatischen Huzulen, die jüdischen Fiaker von Galizien, die schwäbischen Tabakpflanzer aus der Bacska, die Pferdehändler aus der Hanakei in Mähren, die Korallenhändler aus Podolien: sie alte waren die großmütigen Nährer Österreichs.“

Nun, meine Furcht war unbegründet. Die Viertelstunde, die das Team der Redaktion „Titel, Thesen, Temperamente“ dem österreichischen Schriftsteller aus Anlaß der großen Roth-Biographie von David Bronsen widmete, hätte nicht klüger, taktvoller und kenntnisreicher genutzt werden können. Statt in Atmosphäre zu schwelgen, beschränkte man sich auf ein paar kurze Signale: Radetzkymarsch und Riesenrad. Verwahrloste Vorstadt. Geschichtsträchtiges Zentrum. Wiener Wirklichkeit und französische Traumwelt: Hier die toten Steine und dort der Markt, die Cafés und die Menschen. Qualtinger las Roth gegen den Strich. Distanziert und traurig, aber nie sentimental. (Einziger Fehler: Die Flasche und das Pernodglas auf dem Tisch, als der Schauspieler aus der Ballade vom heiligen Trinker las. Das war jene Tautologie, die Eva Demskis Bericht im übrigen peinlich vermied.)

Und dann die Zeugen! Die Schriftsteller Bertaux und Breitbach, die, als sie noch, jung waren, mit zum Rothschen Hofstaat gehörten. (Jedenfalls in den hinteren Reihen.) Wie die redeten! Welche geschliffenen Sentenzen die formulierten! Ich kann mich nicht erinnern – mit der einen Ausnahme Max Frisch („Ich bin gegen Gewalt. Ich bin Brillenträger“) – jemals ein so plastisches und glanzvolles Deutsch in einem Fernsehinterview gehört zu haben. Hier, in den Beiträgen zweier französischer Staatsbürger, wurde plötzlich sichtbar, wie erbärmlich die offiziellen Verlautbarungen und wie hilflos die Äußerungen sogenannter Kulturträger im allgemeinen sind. (TTT bot auch in dieser Sendung wieder ein Beispiel dafür.) Wenn Bertaux mit dem Wort „tragen“ spielte („Roth hat schwer daran getragen, wie man im Deutschen sagt, eine Maske zu tragen“) und, dem Gedanken nachsinnend, daß der Schriftsteller Roth den Schnee einen Boten aus Sibirien nannte, plötzlich, als ein leuchtendes Aperçu, den Satz formulierte: „Er hatte halt Wurzeln nur in der Luft“, oder wenn Joseph Breitbach, in makelloser Rede, die Rothsche Höflichkeit als einen Kunstgriff beschrieb, um den Gegner zu erledigen – wenn Bertaux und Breit- – bach Deutsch zelebrierten (nein, das ist falsch; sie zelebrierten mehr: Dazu war ihre Rede, bei aller Geschliffenheit, zu beiläufig; die Eleganz ergab sich gleichsam von selbst), dann spürte der Betrachter am Bildschirm auf einmal, wie viel sich in unserer Sprache sagen läßt, wie nuancenreich und poetisch sie ist.

Schade, daß wir so wenig Gebrauch davon machen und es den Franzosen überlassen, uns von ihrem Reichtum zu überzeugen – dem Reichtum, der Anmut und dem Tiefsinn unserer Sprache. Dank an Breitbach und Bertaux. Dank für den Nachweis, daß Deutsch und „Tele-German“ zweierlei sind.

Dank für diesen Film: Joseph Roth, der frankophile Meister Brody in Wolhynien, hätte sich darüber gefreut, daß man gerade in Paris dem Deutschen die Ehre erweist, die jener Sprache gebührt, mit deren Hilfe einer wie Roth schreiben und wie Breitbach und Bertaux reden kann. Momos