Von Nina Grunenberg

Politische Priester gibt es unter den Ministerpräsidenten nicht. Aber daß Gott nicht mehr mit ihnen ist, wissen die Sozialdemokraten unter ihnen besser als die Christdemokraten. Während Alfons Goppel in Bayern seine politische Autorität ohne weiteres noch vom Herrgott ableiten könnte, würde das sein sozialdemokratischer Kollege Heinz Kühn in Nordrhein-Westfalen nie tun: Mit der Parteibasis, die er im Rücken hat, fühlt man sich als Agnostiker wohler.

Einer von dieser illusionslosen Sorte im sozialdemokratischen Lager der Ministerpräsidenten ist auch der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz. Äußerlich gehört er zum Typ des Polit-Ingenieurs, unauffällig in Kleidung und Haltung. Darauf achtet er bewußt: Der Farbfleck in der Krawatte ist die winzige Extravaganz, die er sich zum dunkelblauen Anzug leistet. Obwohl er im kleinen Kreis die lässige Pose liebt, würde er es sich nicht erlauben, den Berlinern im Rollkragenpullover gegenüberzutreten. Daß die Jusos versuchten, den Arbeitern durch abgewetzte Jeans und karierte Hemden näherzukommen, hat ihn nur zum Spott gereizt. Zu seinem Typ gehört auch, daß er – anders als seine Vorgänger Willy Brandt oder Ernst Reuter – sein Publikum nicht durch die freie Rede zu erschüttern und mitzureißen weiß. Er spricht so unbeteiligt, so leidenschaftslos, daß man sich seine Worte nicht merken kann, höchstens seine Kalauer.

Daß Klaus Schütz heute trotzdem von den Berlinern mehr geschätzt wird als Willy Brandt in seiner besten Zeit als Bürgermeister – 62 Prozent glaubten noch im Januar, daß Klaus Schütz es am 2. März wieder schaffen wird –, erklärt sich durch die veränderte Lage. Seit die Tinte unter dem Viermächteabkommen getrocknet ist, kann Berlin auf einen charismatischen Führer verzichten. Was der Stadt statt dessen not tut, ist ein nüchterner Anwalt, der auf Einhaltung von "Geist und Buchstaben" des Abkommens pocht.

Bauchlandung in Bonn

Das kann Klaus Schütz, dazu brauchte er kein Pathos, sondern nur Beharrungsvermögen. Für. dieses Berlin-Thema riskierte er sogar den ersten Zusammenstoß mit Bonn, als Willy Brandt, mit dem ihn ein Gefühl tiefer Loyalität verbindet, noch Bundeskanzler war. Damals ging es um den Zwangsumtausch. Als Ostberlin im November 1973 die Verdoppelung der Mindestumtauschsätze für Reisen in die DDR verfügte, begann Klaus Schütz einen Schlagabtausch, über den manche Bonner Genossen klagten, er schade der Ostpolitik. Doch Schütz pochte so lange auf die Geschäftsgrundlage des Berlin-Abkommens, das er verletzt sah, bis auch Bonn einsah und sich seinen Argumenten anschloß.

Weniger Glück war ihm beschieden, als er gleiche Rechte für die Berliner Abgeordneten im Bundestag forderte. Aber die politische Bauchlandung machte er nur in Bonn; vom kleinen Mann in Berlin wurde ihm sein hartnäckiges Engagement für die Interessen der Stadt zugute gehalten. Wer in Berlin reüssieren will, muß dem Frontstadtaffen Zucker geben. Gewählt wird in dieser Stadt, wer sich nicht scheut zu sagen, daß die DDR ein mieser Verein ist. Schütz tut es.