Von Theo Löbsack

Dreißig Jahre nach dem Ende der unseligen „Erbgesundheitspflege“ nazistischen Zuschnitts ist die Eugenik bei uns jetzt dabei, wieder salonfähig zu werden und den Anschluß an andere Länder zu gewinnen. Schon seit einiger Zeit konnten sich Ratsuchende in bundesdeutschen Beratungsstellen darüber informieren, ob und welches Risiko für sie bestand, erbkranke Kinder zu bekommen. Nur wenige wußten aber von dieser Möglichkeit und noch weniger nutzten sie. Einen großen Schritt nach vorn hat nun die Marburger Universität getan. Nach einem dreijährigen Modellversuch, den Professor Gerhard Wendt dort mit finanzieller Hilfe des Bundesgesundheitsministeriums und der Stiftung Volkswagenwerk durchgeführt hat, ist die Marburger Beratungsstelle zu einer Poliklinik umgewandelt und in das Klinikum integriert worden. Das heißt, es können jetzt alle Ratsuchenden im Einzugsbereich Marburgs von ihrem Hausarzt mit einem Krankenschein an die Beratungsstelle überwiesen werden. Von dort aus können sie auch andere Fachkliniken des Klinikums in Anspruch nehmen.

Die für andere Bundesländer beispielhafte Entscheidung gab der hessische Kultusminister Dr. Krollmann auf einer Tagung über Risiko und Verhütung von Erbkrankheiten bekannt, die kürzlich das Institut für Genetik, das Deutsche Grüne Kreuz und die Akademie für ärztliche Fortbildung der Landesärztekammer Hessen in Marburg veranstaltet haben. Professor Wendt bezeichnete die Erfahrungen der letzten drei Jahre als außerordentlich ermutigend. Nach seiner Überzeugung wäre die Einrichtung echter genetischer Polikliniken auch an anderen humangenetischen Instituten der beste Weg, dieser neuen ärztlichen Aufgabe gerecht zu werden. Nur so – nicht durch Angliederung an die Gesundheitsämter – würde die Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft am ehesten garantiert. Wendt sieht die genetische Beratung als eine „von der Humangenetik zu leistende klinische Hilfswissenschaft ähnlich der Bakteriologie“, aber vor allem als Präventivmedizin reinster Form.

Während der Laufzeit des Modellversuchs sind insgesamt 2173 Fälle an die Marburger Beratungsstelle herangetragen worden. Bei etwa der Hälfte aller Fragesteller konnte der Verdacht, ein erbkrankes Kind zu bekommen, entkräftet werden. In acht Prozent war wegen unklarer Krankheitsbilder keine verbindliche Aussage möglich. In allen anderen Fällen wurde der erteilte Rat von den Betroffenen weitgehend als Entscheidungshilfe akzeptiert. Dieser Personenkreis sah daraufhin entweder von einer Schwangerschaft ab, nahm das Risiko auf sich, ließ eine schon bestehende Schwangerschaft abbrechen (wofür die „eugenische Indikation“ jetzt die Möglichkeit bietet) oder unterzog sich vor weiteren Entschlüssen einem neuen diagnostischen Verfahren: der Amniozentese.

Dazu wird in der 15. bis 16. Schwangerschaftswoche nach vorhergehender Ultraschalldiagnostik durch Punktion etwas Fruchtwasser aus dem Uterus entnommen. Die fetalen Zellen in der Flüssigkeit lassen sich auf einem Nährboden anzüchten, vermehren und untersuchen. Krankheiten, die auf Unregelmäßigkeiten des Chromosomenbildes beruhen wie die Trisomien (Beispiel: Mongolismus), kann man auf diese Weise erkennen. Darüber hinaus lassen sich alle erblichen Stoffwechselstörungen voraussagen, deren Enzymdefekt bekannt ist und bei denen das Enzym aus dem Fruchtwasser oder den Zellen darin ausreichend genau bestimmt werden kann. So sind von 52 angeborenen Enzymstörungen schon 20 sicher diagnostizierbar. Die restlichen werden es mit dem Fortschritt der biochemisch-diagnostischen Technik wahrscheinlich in absehbarer Zeit sein.

Welchen Stellenwert die genetische Beratung in den kommenden Jahren haben wird, macht die fragwürdige erbbiologische Zukunft des Menschen deutlich. So ungern die Genetiker wegen der Vielschichtigkeit des Problems zwar populationsgenetische Aussagen machen, so sicher ist doch, daß es mit unserem Geschlecht insoweit bergab geht. Mit dem zunehmenden Gebrauch ionisierender Strahlen und mutagener Chemikalien, mit der wachsenden Zahl Erbkranker, die dank unserer Medizin ins fortpflanzungsfähige Alter kommen, muß eine allgemeine Verschlechterung des menschlichen Erbanlagenbestandes erwartet werden.

Einen noch wenig diskutierten Einfluß auf die genetische Ausstattung des Homo sapiens hat zudem die derzeit massive Anwendung von Antibiotika und Sulfonamiden, außerdem der zunehmende Impfschutz. Mit ihnen wird jene Auslese mehr und mehr unwirksam, die einst mitgeholfen hat, die Gesamtheit der körperlichen Abwehrkräfte gegen Krankheiten im Verlauf vieler Generationen entstehen zu lassen. Die Folge wird eine immer stärkere Abhängigkeit künftiger Generationen von Medikamenten und Prothesen sein. Würden diese Mittel einmal fehlen oder in ihrer Wirksamkeit nachlassen, so müßte dies verheerende Folgen haben, denn die Immunsysteme würden – via Mutation und Auslese – so rasch nicht wieder erstarken können, wie sie durch unsere unerläßlichen therapeutischen Eingriffe heute geschwächt werden.