Von Dieter E. Zimmer

Als 1973 Ingmar Bergmans sechs fünfzigminütige „Szenen einer Ehe“ an Mittwochabenden im schwedischen Fernsehen gezeigt wurden, waren die Straßen leerer als üblich. Und die fast dreistündige Kinofassung seiner, insgesamt fünfstündigen Fernsehserie, die jetzt auch (ungewöhnlich gut synchronisiert) nach Deutschland kommt, hat in den Ländern, in denen sie bisher gezeigt wurde, in den Vereinigten Staaten, in Frankreich, England und in der Schweiz, eine so einmütig positive Aufnahme gefunden wie kaum ein Film zuvor.

Dabei ist es ein ganz unfilmischer Film, der seine Herkunft vom kleinen Fernsehschirm nicht verleugnet. Drei Stunden lang nimmt er seinen Zuschauer in Anspruch; drei Stunden lang findet „Action“ nur in Gesprächen und im Gesichtsausdruck statt. Es handelt sich offenbar um etwas anderes als nur einen Film, ein mehr oder weniger gutes oder spannendes Divertissement: Hier kommt zur Sprache und ins Bild, was die Zuschauer millionenfach an sich selber erfahren haben oder erfahren könnten; hier formuliert ihnen ein Regisseur etwas vor, was die meisten beschäftigt, was aber, im Leben, in Unverständnis, Ungeduld, Panik untergeht. Aus der Reihe der wichtigen Werke über die Ehe, von Goethes „Wahlverwandtschaften“ über Ibsens „Nora“ und – Strindbergs „Totentanz“ zu Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ werden diese „Szenen“ nicht mehr wegzudenken sein; sie sind der Beitrag der siebziger Jahre dieses Jahrhunderts.

Die Ehe ist etwas Unmögliches

Es ist ein eigentlich ganz unbergmanscher Film, schneller produziert, wenn auch mit Bergmans früheren Schauspielern und wieder von seinem Kameramann Sven Nykvist photographiert. Ganz anders noch als in „Schreie und Flüstern“ wird hier nicht in Bildern, Dekors und Farben geschwelgt. Nirgends sind Symbole aufgebaut. Es wird nicht um Gut und Böse, Gott und Teufel gerungen. Es kommt zu keinen Spukerscheinungen. Was frühere Bergman-Filme für Zuschauer mit mangelhaftem Sinn fürs Metaphysische bei aller Faszination immer auch fragwürdig oder gar unausstehlich machte, fehlt in den „Szenen einer Ehe“ (fast) völlig. Es ist ein ganz und gar diesseitiger Film. Wie hier ein Regisseur mit fünfundfünfzig Jahren und nach vierzig Filmen das Image zerreißt, das er von sich hatte entstehen lassen, wie er die quälerische Spökenkiekerei abschüttelt und seine ganze Menschenkenntnis, seine Lebenserfahrung, seine technische Intelligenz einsetzt, um die Tiefe an der Oberfläche des Alltags vorzuführen, um ein „vollkommen greifbares Werk“ herzustellen, von dem er selber (herausfordernd) meint, es könnte schon von der ersten Szene an bei „in künstlerischen Fragen feinfühligen Menschen“ eben wegen seiner Klarheit „ästhetische Übelkeit“ hervorrufen – das schon ist staunenswert genug.

Es ist dennoch alles andere als ein lebensfroher Film. Vielleicht ist es sogar Bergmans düsterster Film – gerade weil er auf jene übersinnlich grüblerischen Accessoires verzichtet, die dem Zuschauer die Distanzierung leicht machten, indem sie ihm suggerierten, es spielte sich alles eigentlich auf einem anderen Planeten ab.

Die These der „Szenen einer Ehe“ lautet, wenn man sie denn zur Thesenhaftigkeit vergewaltigen will: Die Ehe ist unmöglich. Wer will, mag das für Unfug erklären; aber Bergman macht den Gegenbeweis schwer. Wer mit den eigenen Erfahrungen so ehrlich verfährt wie er, könnte leicht entdecken, daß er die Ehe nur darum für möglich hält, weil er sich in der Kunst geübt hat, die Bergmans Demonstrationspaar in den/ersten beiden Sequenzen so perfekt beherrscht: der Kunst, die Schwierigkeiten unter den Teppich zu kehren.