Von Benjamin Henrichs

Drei Jahre lang war sie für ihren Beruf ausgebildet worden. Dann kam ihre Abschlußprüfung. Sie dauerte drei Sätze lang – drei Sätze lang durfte Heide Simon Egmonts Klärchen sein. Dann bat man sie, mit einem lauten „Dankeschön!“, von der Bühne. Ende der Prüfung. Heide Simon war durchgefallen – das von der Bühnengenossenschaft und dem Deutschen Bühnenverein berufene Gremium (überwiegend mit altgedienten Künstlern dritter und vierter Garnitur besetzt) war an Weiteren Kunstäußerungen der jungen Schauspielerin nicht interessiert. Dasselbe Gremium ließ, am selben Tag auch einen Studienfreund der Heide Simon durchs Examen fallen: den Schauspielschüler Rainer Werner Fassbinder. Heide Simon war zunächst keinesfalls empört über den grotesken Verlauf ihrer Prüfung, dachte noch nicht nach über die Unzuständigkeit und Verantwortungslosigkeit ihrer Prüfer: „Ich war beeindruckt. Ich dachte, die haben recht.“

Heide Simons Biographie: Waisenkind, bei der Großmutter aufgewachsen, Mittelschule, mittlere Reife – mit acht Jahren hatte sie („weil ich so eine tiefe Stimme hatte“) bei einer Schulaufführung in Bad Kissingen den Buchdrucker Gutenberg spielen dürfen. „Ich war ein eher verschüchtertes, verstörtes Kind. Das Theaterspielen gab mir ein Erfolgs-, ein Glücksgefühl.“ Diese eigenen Erfahrungen blieben die einzigen: „Ich hatte den Wunsch, zum Theater zu gehen, ohne das Theater überhaupt zu kennen.“

Nach der Mittelschule verdient sich das Mädchen das Geld für Lebensunterhalt und Schauspielschule – als Sekretärin bei einem Rechtsanwalt, am Fließband einer Großmolkerei, als Werkstudentin im Archiv der „Süddeutschen Zeitung“. Sie erlebt, ohne es ganz zu durchschauen, das Elend der Schauspielerausbildung in unserem Land (Schauspiellehrer darf jeder sein, der sich dafür hält). Ihr erster Lehrer legt ihr einen dicken Band Friedrich von Schiller auf den Bauch und erklärt ihr: „Der Schiller muß sich bewegen, das ist die richtige Zwerchfellatmung.“

An der privaten Schauspielschule, die sie darin spielschule, die sie dann besuchte, an der auch Fassbinder und Hanna Schygulla (nichts?) lernten, bekam sie „eine sehr schlechte Ausbildung“ – die übliche also. Eine Ausbildung auch, die dem Schauspielschüler das spätere Berufsrisiko völlig verheimlicht, weil sie sich das gute Geschäft mit Illusionen nicht verderben will: „Kein Schauspieler denkt, er werde einmal arbeitslos sein. Auch auf unserer Schule wurde über dieses Thema nicht geredt.

Wer heute Schauspielschüler ist, kann sich immerhin die notwendigen, ernüchternden Informationen aus dem „Künstler-Report“ holen. Da steht über das Gewerbe des Schauspielers: „Die Arbeitslosenquote ist eine der höchsten unter allen Berufen in der BRD – 1974/75 etwa 15 bis 20 Prozent.“ Und eine andere, besonders für Mädchen beängstigende, Statistik: Von „darstellenden Künstlern mit künstlerischer Berufsausbildung“ waren schon 1970 33 Prozent arbeitslos; 16 Prozent der männlichen, 42 Prozent der weiblichen „darstellenden Künstler“.

Mit dem Prüfungsfiasko ist für Heide, Simon die Möglichkeit, auf relativ rasche und direkte Weise ein Engagement zu finden, verbaut. Ihr bleibt nur der lange, qualvolle Umweg: Sie begibt sich, zusammen mit einer Freundin, auf eine „Vorsprechtournee“ quer durch die Bundesrepublik. Auf eine Reise, die dem jungen, arbeitslosen Schauspieler natürlich niemand bezahlt („wir haben getrampt und gehungert“), eine wundersame Reise auch, die einen in die düstersten Regionen und zu den finstersten Figuren in der Theaterlandschaft führt. Man hetzt von Vorsprechtermin zu Vorsprechtermin (wahren Mammutveranstaltungen manchmal, mit dreißig bis vierzig Konkurrenten für eine Stellung) und erlebt es dann auch, wie Heide Simon in Bruchsal, daß der erschöpfte Herr Intendant während des Vorsprechens einschläft.