Von Frank Pfetsch

Warum sind die fünf westdeutschen Häftlinge in der Demokratischen Volksrepublik Jemen aufgenommen worden? Wie kann die Entscheidung für einen zunächst unbefristeten Aufenthalt erklärt werden?

Am weitesten ist hierzulande die Meinung verbreitet, daß die Häftlinge in Aden "auf Verständnis" hätten rechnen können; daß der Terrorismus der Deutschen mit den "revolutionären Umtrieben im Südjemen" artverwandt sei und daß die fünf aus brüderlicher Verbundenheit willkommen geheißen worden seien. Dies entsprach dem Bild einer revolutionären Volksdemokratie, eines "Hanoi der marxistisch-leninistischen Guerilla", wie es auch im Fernsehen vorgeführt wurde. Mit der Wahrheit hat das freilich wenig zu tun.

Gewiß, zunächst hatte das südjemenitische Regime sein revolutionäres Image im Westen nach Kräften gefördert. Seine Aktionen gegen die "reaktionären" Regierungen am Persischen Golf – vor allem gegen das benachbarte, zu Oman gehörende Scheichtum Dhufar, aber auch gegen die Nachbarn Saudi-Arabien und die Arabische Republik Jemen – werden aus einem revolutionären Selbstverständnis interpretiert und legitimiert. Das Regime fühlt sich als Zielscheibe eines Komplotts von Reaktionären und Imperialisten. Der Premier und Verteidigungsminister Ali Nasser behauptet, daß im Westen die Inseln nahe Bâb-El-Mandeb von Äthiopien und seinen israelischen Verbündeten attackiert werden; im Osten sollen britische Flugzeuge – angeblich bei der Verfolgung von Guerilleros aus dem Dhufar – südjemenitische Einrichtungen nahe der Grenze bombardieren; im Norden haben südjemenitische Konterrevolutionäre bei den nordjemenitischen Brüdern Zuflucht gefunden und beteiligen sich an Überfällen, die von Saudi-Arabien bezahlte Söldner gegen den Südjemen führen.

Dieses Märtyrerbewußtsein schafft nach innen die Solidarität, die das Regime zur Festigung seiner Herrschaft braucht. In historischer Perspektive sind die revolutionären Bestrebungen allerdings so neu nicht. Stammesrivalitäten hat es in der jemenitischen Geschichte schon immer gegeben, und nicht im einzelnen festgelegte Grenzen haben ein nationalistisches Regime noch stets zu militärischen Vorstößen herausgefordert.

Nach der Unabhängigkeit im November 1967 gab es im Südjemen zwei miteinander rivalisierende Gruppierungen: die mehr reformistisch, aber antikolonialistisch und nach Ägypten orientierte PLOSY und die radikalere Befreiungsbewegung FLN, die von der ehemaligen englischen Kolonialmacht unterstützt wurde, der sie im Stadtguerillakampf zugesetzt hatte. Die Schließung des Suezkanals als Folge des Junikrieges 1967 beraubte den Südjemen seiner wichtigsten Einkunftsquellen. Der Handel im Hafen der Freihandelsstadt Aden ist Um rund 75 Prozent zurückgegangen, die Zahl der Passagiere reduzierte sich praktisch auf Null. Der Abzug der Briten und die Einstellung ihrer Finanzhilfe machten dann Tausende von Jemeniten arbeitslos und verursachten einen empfindlichen Rückgang des Volkseinkommens.

Solche ökonomischen Schwierigkeiten führen leicht zu politischem Extremismus. Sie erklären die zunehmende Radikalisierung und den überzogenen Verbalchauvinismus gegen Israel.