Die polnische Industriestadt Kattowitz, einst und jetzt Metropole des oberschlesischen Kohlenreviers, war am Wochenende Schauplatz der 6. Europäischen Hallen-Leichtathletikmeisterschaften. Um die Berechtigung solcher Veranstaltungen gibt es immer noch und vielleicht jetzt gerade wieder Diskussionen. In den Vereinigten Staaten sind Hallenmeetings fast ein gesellschaftliches Ereignis. Dabei ist auch nahezu jedes europäische Land in der Lage, mit akzeptablen Hallen aufzuwarten und seinen Athleten ein entsprechendes Programm zu bieten.

Die Kattowitzer Rondo-Halle, ein Rundbau, ist zum Beispiel eine moderne architektonisch sehr gelungene Konstruktion mit 160-m-Kunststoff-Rundbahn. Und, was besonders Dr. Max Danz, Ehrenpräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, bundesdeutsches Mitglied des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) und nicht zuletzt von Beruf Internist, interessierte und ansprach, der Halle ist ein großzügig und glänzend eingerichtetes medizinisches Forschungsinstitut angegliedert. Hier wurden auch erstmals Anabolika-Proben von den Athleten genommen. Diese Proben werden zunächst am Institut der Universität Rom und dann noch einmal in einem Londoner Institut untersucht, so daß ein Ergebnis erst später vorliegen wird.

Die Androhung der Anabolika-Kontrollen hat wieder einmal neuen Gesprächsstoff geliefert. Die Kattowitzer Ergebnisse in den Kugelstoßwettbewerben der Männer und Frauen blieben dann auch weit unter dem gewohnten Niveau, die 23jährige Ostberlinerin Marianne Adam erreichte 20,05 Meter, der Bulgare Valtshev Stoev siegte mit schwachen 20,29 Metern. Sollte die Ankündigung von drastischen Strafen, Aberkennung der Titel und Placierungen, eventuellen Sperren hier das Maß gesetzt haben?

Die Kritiker scheinen auch sonst recht zu behalten. Das Niveau dieser 6. Europameisterschaft war äußerst schwach, manche Wettbewerbe nicht einmal maximal besetzt. Von 24 teilnehmenden Ländern trugen sich zehn in die Siegerlisten der 21 Wettbewerbe ein. Die sieggewohnten DDR-Athleten waren mit vier Titeln wieder einmal am erfolgreichsten. England, die UdSSR und die Bundesrepublik brachten es auf je drei Titel.

Somit haben auf den ersten Blick zumindest die bundesdeutschen Athleten die Erwartungen erfüllt. Erstes Gold holte die Männerstaffel über 4X2 Runden. In der Besetzung Klaus Ehl, Franz-Peter Hofmeister, Hermann Köhler und Karl Honz – unser einziger Europameister im Freien des Jahres 1974 und 40 Jahre nach Adolf Metzner zweiter Deutscher mit diesem Titel über die Stadionrunde – liefen einen souveränen Erfolg gegen die Polen und Bulgaren heraus.

Die zweite Goldene holte überraschend der Wattenscheider Hermann Köhler über 400 Meter in 48,75 Sekunden. Im Semifinale schaltete er den Favoriten Brodenbach aus Belgien aus. Eine Bemerkung am Rande: Zur gleichen Zeit, als Köhler in Polen Europameister wurde; holte sich in München der 18jährige Westfale Ludger Zander (Herten) in 47,8 (!) Sekunden den Titel eines Deutschen Jugendhallenmeisters über 400 Meter!

Die dritte Goldmedaille schließlich erlief Thomas Wessinghage über 1500 Meter in 3:44,6 Minuten. Wessinghage, der zusammen mit Paul-Heinz Wellmann zu Beginn des Jahres vom kleinen hessischen Verein TV Haiger zum erfolgreichen TuS 04 Leverkusen überwechselte, zeigte sich im Gegensatz zu Wellmann in bestellender Form. Wellmann enttäuschte stark, wurde in seinem Vorlauf mit einer schwachen Zeit Fünfter und schied aus. Damit hat dieser vieldiskutierte Vereins- und Trainerwechsel neuen Gesprächsstoff bekommen. Der Europameister hält an seinem DLV-Trainer Paul Schmidt fest, während Wellmann sich der Leverkusener Osenberg-Truppe anschloß.

Weitere erfreuliche Leistungen gab es im Weitsprung der Männer durch den Leverkusener Hans-Jürgen Berger, der zum ersten Male an einer internationalen Veranstaltung dieser Größenordnung teilnahm und sich nur dem farbigen Guadaloupe-Franzosen Jacques Rousseau mit 7,94 zu 7,87 Meter geschlagen geben mußte. Eine unerwartete, weil negative, Silbermedaille gab es in der Frauenstaffel über 4X2 Runden. Elke Barth und Brigitte Koczelnik hatten für Sylvia Hollmann einen Vorsprung herausgelaufen, doch ein völlig verpatzter letzter Wechsel mit Rita Wilden brachte dann nur Platz zwei hinter der UdSSR. Ellen Wellmann schließlich kann es ihrer Spurtkraft zuschreiben, daß sie in einem, völlig verbummelten 1500-m-Rennen noch einen 3. Platz erkämpfte.

Die Weitsprungzeiten, einer Heide Rosendahl, einer Viorica Viscopoleanu oder gar einer Mary Rand sind wohl endgültig vorbei. Wie sonst wäre es wohl zu erklären, daß die Rumänin Dorina Catineanu mit 6,31 m Europameisterin werden kann (auf dem 5. Platz Ute Hedicke aus Andernach mit 6,25 m? An der Anlage kann es kaum gelegen haben, denn Stunden zuvor hatte hier schon ein ausnahmsweise hochklassiger Wettbewerb der Dreispringer stattgefunden. Der Russe Viktor Sanejew sprang 17,01 Meter, nur zwei Zentimeter unter der Hallenbestmarke.

Die größte Überraschung war die Niederlage der hohen Favoritin und seit vier Jahren ungeschlagenen Hürdenläuferin Annelie Erhardt aus Magdeburg. Die Polin Gracyna Rabsztyn, eine Breslauerin, war am Start schneller und hatte hier schon den entscheidenden Vorsprung. Dei Ostberliner Kollege neben mir murmelte enttäuscht: „Mensch, Annelie, muß denn das sein?“

Dagegen gab Doppel-Olympiasieger Valerie Borsow aus der UdSSR wieder eine wahre Sprint-Demonstration. Er deklassierte geradezu seine Gegner. Die Ära „Borsow“ wird mindestens bis Montreal 1976 dauern, dann möchte der Ausnahmeathlet, der in Kattowitz seinen elften internationalen Titel errang, seine Laufbahn beschließen. Mit einem Olympiasieg oder mit zweien?

In der deutschen Mannschaft gab es jedoch auch sehr viele Schatten. Heinz Busche, Dieter Gebhardt, Maren Gang-Schröder, Sylvia Kempin, Brigitte Kraus überstanden nicht einmal die Vorläufe. Margot Eppinger scheiterte in der Weitsprungqualifikation, Hochspringerin Renate Boschert rangiert auch nur unter ferner sprangen.

Hier schien bei einigen Athleten schon die Luft raus und der Höhepunkt mit den Deutschen Meisterschaften überschritten zu sein, die Motivation fehlte. Doch die Offiziellen des Deutschen Leichtathletikverbandes sehen es anders. Der DLV kam mit 16 Männern und 12 Frauen nach Kattowitz, der drittstärksten Mannschaft von allen angetretenen. DLV-Präsident Prof. August Kirsch hat natürlich recht, wenn er sagt, daß gerade die größeren und (finanz)starken Verbände auch mit größeren Equipen Veranstaltungen dieser Art beschicken, um die „Kleinen“ nachzuziehen. Sicher läßt sich eine kleinere und schlagkräftigere Mannschaft mit größeren Chancen bilden. Jürgen Peters