In diesem Integrationsprozeß wurden natürlich auch Fehler gemacht. Der blinden Abwehr aller Kritik auf der konservativen Seite entsprach ein manchmal zu einfühlsames Verständnis für die Rebellen auf der anderen. Am schwersten wog dabei – und hier muß man mit Recht von Verharmlosung sprechen –, daß viele zunächst bei ein "bißchen Gewalt" die Augen zudrückten. Sie sahen die idealistischen Motive und Ziele; die Brutalität der Methoden wollten sie nicht wahrnehmen.

Inzwischen aber sind die Fronten längst klar. Deshalb ist es weder zweckmäßig für die Terror ristenbekämpfung noch angemessen für einen liberalen Rechtsstaat, sowohl politischen Radikalismus, der sich in grundsätzlicher Kritik äußert, als auch politischen Terrorismus, der den Weg der Gewalt geht, in einen großen Brei des Mißvergnügens zu rühren. Genau dies versucht jetzt ein Teil der Opposition.

Mit Recht mag man kritisieren, daß in manchen Schulbüchern die Konflikttheorie übertrieben, traditionelle Autorität zu abschätzig behandelt wird – aber was hat dies mit den Terroristen des 2. Juni zu tun? Keiner von ihnen ist das Produkt dieser neuen Erziehung.

Die Welle der radikal-liberalen und sozialistisch geprägten Überaufklärung hat sich doch längst gebrochen. Die Einstellungspraxis im Staatsdienst wird heute restriktiver gehandhabt, ohne daß ein Gesetz verändert worden wäre. Nicht aufmüpfiger Radikalismus, sondern Existenzangst ist jetzt das Hauptmotiv der Demonstrationen. Unter dem Eindruck der veränderten Stimmung und der CDU-Wahlerfolge haben sozialdemokratische Minister die anstößigen Stellen aus den Schulbüchern entfernt. Die Konjunktur der Radikalen ist vorüber – innerhalb und außerhalb der Parteien.

Immerhin: das Recht, radikal – nämlich von der Wurzel her – ein Problem neu zu überdenken, nehmen heute Politiker der Koalition und der Opposition in Anspruch. Die Stabilität einer politischen Gesellschaft äußert sich nicht darin, daß sie links und rechts Maulkörbe verpaßt. Ein Rückfall in blind-autoritäre Zustände jedenfalls wäre gewiß nicht dazu angetan, dem Radikalismus das Wasser abzugraben. Ein aus der Bekämpfung des Terrorismus abgeleitetes Ausnahmerecht, die Mobilisierung des Volkszorns gegen Andersgläubige, der Ruf nach dem starken Mann – all das trifft die Terroristen nicht, aber es zerstört das liberale Klima in diesem Staat und macht ihn der Vorstellung ähnlicher, in die sich Terroristen und Extremisten verrannt haben.

Aufgabe der Politiker, das hat CDU-Generalsekretär Kurt Biedenkopf am deutlichsten gesagt, dürfe es nicht sein, Emotionen zu schüren, ihre Pflicht sei es, sie unter Kontrolle zu halten. Sein Wort in Franz Josefs Ohr! Biedenkopfs Warnung, die demokratische Substanz werde zerstört, wenn sich die Parteien gegenseitig als "Faschisten" oder "Zuhälter des Terrorismus" beschimpfen, trifft genau ins Schwarze. Diese Form der Polarisierung bringt den Staat mehr in Gefahr, als es der Terror von einigen politischen Desperados je vermöchte.