DIE ZEIT

Saigons Stundenglas

Ob Phnom Penh heute fällt oder morgen, bestimmen nicht mehr die Amerikaner. Die Stadt liegt im Todeskampf. Die Zeche für die politischen Fehleinschätzungen Washingtons, die mit der Invasion in Kambodscha vor fünf Jahren begannen, hat nun die Bevölkerung zu zahlen.

Euro-Paulus

Seit dem gemeinsamen Pfeifenrauchen Helmut Schmidts und Harold Wilsons im November in Chequers, dem Landsitz des britischen Premierministers, waren die Spielregeln des Aufgalopps für Englands Verbleiben in der Europäischen Gemeinschaft klar – Geld gegen gute Worte.

Kalkulierter Zorn

Die politischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion scheinen sich zu verkrampfen. Sowjetische Diplomaten in Bonn und West-Berlin verbreiten ihren Unmut über die Bonner Politik.

Rote Fahnen im Armenhaus Europas

Aus der Bundesrepublik nach Lissabon angereiste Journalisten stutzen. Ihre Berichte über die neue Linkslage werden von den portugiesischen Massenmedien nicht mehr zitiert.

Worte der Woche

„Ich kann ja nichts dafür, daß dieser Strauß den Kopf in den Sand steckt, um nicht sehen zu müssen, wo die Probleme liegen. Nur beläßt er es nicht dabei, sondern sorgt mit einem anderen Körperteil dafür, daß dieser Sand besudelt wird.

Zeitspiegel

Die Bundeswehr hat Sorgen. In den vergangenen fünf Jahren hat die Zahl der Selbstmordversuche von Soldaten ständig zugenommen.

Der Volksheld in der Verbannung

Ende September 1974 trat General Antonio de Spinola, portugiesischer Staatspräsident und Volksheld, von seinem Amt zurück, weil er nicht mitschuldig werden wollte, "unter der Flagge einer falschen Freiheit neue Formen der Sklaverei vorzubereiten".

Gefangene des Hasses

Franz Josef Strauß und Herbert Wehner verbindet wenig, eines mindestens haben sie gemeinsam: Sie sind, mehr als sonst Politiker dieses Landes, Jäger und Gejagte zugleich – mitleidsloser und ungeschützter.

Hart oder weich?

Die vielleicht interessantesten Diskussionen fanden in der Gruppe IV statt. Ihr Thema lautete: "Sind die freien Gesellschaften noch regierbar?" Ralf Dahrendorf erläuterte die Motivationen, die hinter dieser Frage stehen: "Unsere Vorstellung von der freien Gesellschaft geht davon aus, daß es sich dabei um eine parlamentarische Gesellschaft handelt, bei der die Entscheidungen innerhalb des Nationalstaates getroffen werden.

Hoffnung auf das Ja der Briten

Je trauriger die Zeiten, um so froher die Feste: Die deutsch-englischen Gespräche von Königswinter bestätigten am Wochenende die Erfahrung, daß zwischenmenschliche Kontakte besonders gut gedeihen, wenn Sorgen an die Tür klopfen.

Der beste Mann für das Amt

Er füllt eine Lücke, ein Lückenbüßer aber ist er nicht: Karl Wilhelm Berkhan, der neue Wehrbeauftragte des Bundestages, kennt die Sorgen des Soldaten.

Klage zum Abschied

„Tatsächlich sind die Unterstützung des Wehrbeauftragten und die Verwertung seiner Arbeitsergebnisse durch das gesamte Parlament weit hinter den ursprünglichen Erwartungen und den Erfordernissen zurückgeblieben.

Die Starken und die Schwachen

Verteilungskämpfe geben unserer Gesellschaft heute ihr Gepräge. Damit ist die Frage nach Macht und Verantwortung im demokratischen Staat gestellt.

Lust und Last

Herbert Wehner und Franz Josef Strauß sind der SPD- und Unionsfraktion Lust und Last gleichermaßen; beide wünschen den Abgang ihrer Titanen ebenso sehnsüchtig herbei wie sie ihn fürchten.

Nahost-Pendler Kissinger

Die durch den Vermittler Henry Kissinger geführten indirekten israelischägyptischen Verhandlungen über ein zweites Entflechtungsabkommen auf dem Sinai, sind in die „harte Phase“ geraten.

Nach Kambodscha nun der Vietnamschock

Nach der Eroberung der Provinzen Kontum, Pleiku und Darlac – im Januar hatte Saigon bereits die Provinz Phuoc Long aufgeben müssen –, befindet sich nun die wichtigste Nord-Süd-Verbindung, die Nationalstraße Nr.

DOKUMENTE ZUR ZEIT: Moskau: Friedens-Sabotage

Gerade gegen jene Politik, die es der Bundesrepublik Deutschland ermöglichte, ihren Beitrag zur Entspannung in Europa zu leisten und damit zugleich ihre internationale Handlungsfähigkeit wesentlich zu erleichtern, sind nun eben am Rhein horrende Anstrengungen gerichtet.

Wolfgang Ebert: Der Schirmherr

Noch zu Wienand/Wehner-Zeiten stellten sich Parteispitzen vor oder neben Parteifreunde, die in der Öffentlichkeit ins Gerede gekommen waren.

Rätsel um die „Mörder GmbH“

Als Lyndon Johnson nach John F. Kennedys Ermordung 1963 ins Weiße Haus eingezogen und in die Machenschaften des Geheimdienstes CIA eingeweiht worden war, soll er zu seinen Beratern bemerkt haben: „Auf den Karibischen Inseln haben wir ja eine verdammte ‚Mörder GmbH‘ im Einsatz gehabt.

„Wir sind keine Bittsteller“

Kein einziger Pfiff ertönte, nur stürmischen Beifall gab es, als ein Christdemokrat, noch dazu einer, dessen Bild in der Parteien Haß und Gunst besonders schwankt, vor dem 14.

Die Satire war erkennbar

Das Corpus delicti, das am Montag dieser Woche auf dem Richtertisch lag, war schon arg zerfleddert. Zum viertenmal nun befaßte sich in Dortmund ein Gericht mit der Ausgabe 16/72 des Gemeindebriefes der in der Dortmunder Trabantenstadt Neuscharnhorst beheimateten evangelischen Shalom-Gemeinde.

„A Hoiwe“

Im Heimatland von Karl Valentin und Ludwig Thoma, von Franz Josef Strauß und Franz Beckenbauer, wird der Dialekt wieder salonfähig.

Funkstille für Hahn

Damit konnte Wolfgang Hahn nicht rechnen. Am letzten Februartag moderierte er das Morgenmagazin des NDR „Von neun bis halb eins“.

„Wir nehmen uns einfach ein Auto“

Hans Seifert, Pfarrer des 77-Seelen-Fleckens Alfeld in der Hersbrucker Schweiz bei Nürnberg, fand die biblische Erkenntnis finsterer Mächte bestätigt, denen der Mensch anheimfallen kann: Zwei unbescholtene Jugendliche aus seiner Gemeinde waren dem Bösen erlegen.

Tingeln für Tennis

Die Geschichte ist verbürgt: Als der Stockholmer Lebensmittelhändler Borg vor zehn Jahren an einem Jux-Pingpongturnier teilnahm, gewann er zum Gaudium der Konkurrenz einen richtigen Tennisschläger, mit dem er in seinem Hobby überhaupt nichts anzufangen wußte.

Wembley und Kuala Lumpur

Das vierhundertste Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wurde auf dem Morast des Wembley-Stadions zu einer Demütigung.

Leipziger Papierfrieden 1975

Auf einmal sagte einer MEGA, und das Wort fing im Nu an, wie ein Engel durch den Raum zu gehen, der, mit brav geordneten modernen Sitzreihen wie in einem Klassenzimmer, für eine Pressekonferenz der beiden größten DDR-Verlage, Aufbau und Dietz, eher zu- als eingerichtet worden war.

Die neue Schallplatte

Michael Urbaniaks Fusion: „Atma“. Der polnische Jazz-Geiger hat, wie er sagt, sein Mekka erreicht: New York; er spricht vom Markstein seiner Karriere.

Zeitmosaik

Es scheint, als sei der Bildschirm das Gedächtnis der Welt. In Wirklichkeit ist er die Vergeßlichkeit der Welt. Er ist die schwarze Schreibtafel, auf die man etwas schreibt, das gleich wieder abgewischt wird, damit Sie sich nicht mehr daran erinnern können.

Filmtips

„18 Stunden bis zur Ewigkeit“ von Richard Lester. Ein anonymer Mr. „Juggernaut“ erpreßt die Regierung Ihrer Majestät: An Bord des Luxusdampfers „Britannic“ sind sieben Bomben versteckt.

Kunstkalender

In den neuen Arbeiten (Stilleben und Landschaften von 1974 und 1975) bewährt sich Klaus Fußmanns sehr persönliche Palette: fein nuancierte Grau- und Brauntöne, gelegentlich ein mattes Rosa, ein angeschmutztes Grün, sensibel, ausgewaschen und immer ein bißchen trist.

Flotte Artigkeiten

Alle finden sie sehr wichtig, und kaum einer kennt sie wirklich: Eingeklemmt zwischen die Werbeblöcke und kleine Familienserien, unterbewertet in den eigenen Häusern und unbeachtet von der Tages- und Fachpresse, fristen die Regionalsendungen ein karges Mauerblümchendasein in jenem vagen Bereich zwischen 18 und 20 Uhr, der immer etwas abschätzig „Vorabendprogramm“ oder sogar „Werberahmenprogramm“ genannt wird.

Machtkämpfe im Ehe-Ring

Ring frei für den Schaukampf zweier Ehepaare in der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin. Vor der Pause: ein Match zwischen Lizzie und Darry Berrill (Katharina Tüschen, Wolf Redl) in Sean O’Caseys Einakter-Farce von 1937 "Das Ende vom Anfang"; dem Ehemann assistiert Otto Sander als Double, das denn auch Barry Derrill heißt.

So’ne und solche

Wieder einmal eine Literatur-Oper. Johannes Bobrowskis Roman „Levins Mühle“ trägt den Untertitel „34 Sätze über meinen Großvater“, und so dann und wann wird zitiert undgezählt, was da als „Satz“ zu verstehen ist: „Die Drewenz ist ein Nebenfluß in Polen“ – „Den Habedank jag ich raus“ oder auch nur „Ja ja“ und „Na also!“ Reicht das bereits für ein Libretto? Kaum.

Deutschlands tote Seelen

Es beginnt mit einer Bewegung. Vom Meer her schwenkt die Kamera, in einem Hubschrauber montiert, auf das Panorama von Glückstadt, gleitet langsam im Tiefflug über die Dächer bis hin zum Marktplatz.

Politik der kleinen Spuren

Günter Herburgers „Hauptlehrer Hofer“ sollte wohl ein Radikaler im öffentlichen Dienst sein, ein unbeugsamer Pädagoge, der seine ausgebeuteten Arbeiterkinder in die Anfangsgründe des Marxismus einweiht.

Das Normale ist nicht normal

ZDF, Freitag, 14. März: „Abschiedsparty“, von Fay Weldon Roben in Detmold. Smokings in München. Das Seidene in der Provinz und in der Hauptstadt die Kreation aus Paris: Deutsche Theaterbesucher schwebten, flanierten, humpelten am Krückstock durch die Foyers.

Ein Riese siecht dahin

So einfach ist es, ein bankrottes Unternehmen zu sanieren: Man fordert, die defizitäre Tendenz „kurzfristig“ abzuschwächen, „mittelfristig eine Tendenzwende zu erreichen“ – und wartet ab.

Vier Pfennige

Das Mineralölgeschäft in der Bundesrepublik bewegt sich in den roten Zahlen, auch bei den Töchtern der internationalen Konzerne.

Die fetten Jahre sind vorbei

Fünf Jahre nachdem Bernie Cornfeld mit seinem IOS-Investmentimperium Schiffbruch erlitt, steht jetzt eine andere Branche vor einem Scherbenhaufen, die Abschreibungsfirmen.

Steuer-Quiz

Kann der Bundesfinanzminister tatsächlich bis 1976 ohne Steuererhöhungen über die Runden kommen? Helmut Schmidt verweist auf seine Regierungserklärung, in der er Steuererhöhungen in dieser Legislaturperiode ausgeschlossen hat.

Bonbon-Ticker

Der Deutsche Depeschen Dienst (ddp) und die Vereinigten Wirtschaftsdienste (VWD) haben sich etwas Keines ausgedacht. Beide Nachrichtenagenturen, die mit ihren Ticker-Diensten die meisten deutschen Tageszeitungen über die wirtschaftlichen Weltläufte à jour halten, wollen ihren Service künftig mit „Nachrichten aus Firmen“ bereichern.

Bonner Kulisse

Nachdem Heinz Oeftering aus dem Verwaltungsrat der Deutschen Bundesbahn ausgeschieden ist – er war nach seinem Ausscheiden aus dem Bahnvorstand 1972 Präsident des Verwaltungsrates geworden –, geht es jetzt um die Person seines Nachfolgers.

Stürzt Geiger?

Für einige Tage schien es, als werde die Inthronisierung des neuen Präsidenten des Bundesverbandes Deutscher Banken, Friedrich Wilhelm Christians, den Sturz des Präsidenten Helmut Geiger vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband nach sich ziehen.

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