Dortmund

Fast drei Jahre lang rang ein Dortmunder Pfarrer, der Kindern helfen wollte, mit der Justiz. Jetzt schaffte er endlich den Freisprach.

Das Corpus delicti, das am Montag dieser Woche auf dem Richtertisch lag, war schon arg zerfleddert. Zum viertenmal nun befaßte sich in Dortmund ein Gericht mit der Ausgabe 16/72 des Gemeindebriefes der in der Dortmunder Trabantenstadt Neuscharnhorst beheimateten evangelischen Shalom-Gemeinde. Pfarrer Martin Schröter hatte seinerzeit als verantwortlicher Redakteur in dem zweiseitigen Mitteilungsblatt ein satirisch gemeintes, zwei Jahre zuvor in der ZEIT erschienenes „Kinder-Manifest“ abgedruckt. Kernsätze des Textes, der – so Schröter – „in provokanter Weise“ die Spielplatzmisere in modernen Satellitenstädten aufzeigen und bei Erwachsenen Denkanstöße auslösen sollte: „Kinder aller Länder der Bundesrepublik, vereinigt euch! Rottet euch zusammen! Schreit und lärmt! Spielt und tobt zwischen den Anpflanzungen! Verwüstet das öffentliche Grün!“

Doch nicht Kinder, sondern einige erwachsene Bürger nahmen das Manifest zum Anlaß, auf die Pauke zu hauen. Dem Kirchenmann wehte ein Proteststurm entgegen: Böse Schlagzeilen in der Lokalpresse („Aufruf zum Kinderterror“), Beschimpfungen und Drohungen am Telephon, vorübergehende Beurlaubung vom Pfarrdienst, schließlich der Kadi. Das Amtsgericht verurteilte ihn im März 1973 zu 700 Mark Geldstrafe wegen öffentlicher Aufforderung zu einer strafbaren Handlung (§ III StGB). In der Berufung bestätigte das Dortmunder Landgericht ein halbes Jahr später dieses Urteil.

Wegen einiger Verfahrensmängel jedoch ließ das Oberlandesgericht Hamm im Sommer vergangenen Jahres die Revision zu. Aus der neuerlichen Verhandlung vor dem Landgericht konnte Martin Schröter nun reingewaschen nach Hause gehen. Das Gericht bescheinigte dem Angeklagten, er habe tatsächlich nie zum Rechtsbruch auffordern wollen, sondern lautere Absichten gehabt. Auch sei das Manifest damals für den Leser bei „hinterfragter Auslegung“ alsbald als Satire erkennbar gewesen. Auf den ersten Blick hätten viele Bürger den Text allerdings doch mißverstehen können. Schröter wäre daher nach Ansicht des Gerichtes mit seinem sozialen Anliegen auf anderen Wegen wohl besser gefahren. Trotzdem: strafrechtliche Konsequenzen wollte und konnte das Landgericht auch aus dieser Erkenntnis nicht ziehen. Hermann Haring