Es scheint, als sei der Bildschirm das Gedächtnis der Welt. In Wirklichkeit ist er die Vergeßlichkeit der Welt. Er ist die schwarze Schreibtafel, auf die man etwas schreibt, das gleich wieder abgewischt wird, damit Sie sich nicht mehr daran erinnern können. Ein Bild verjagt das andere.

Der französische Schriftsteller und Philosoph Pierre Emmanuel in einem Vortrag vor dem PEN-Club in Berlin

Wer liest noch Lyrik?

Lyrik, hieß es seit Jahren, wolle keiner mehr lesen, kein Verlag mehr drucken. Lyrik, so wird hin und wieder hoffnungsfroh gemeldet, finde langsam wieder ein Publikum. Der Informationsdienst „Buchreport“ erkundigte sich bei achtzehn Verlagen, in deren Programm noch Gedichte vorkommen, wie sie die Chancen von Gedichten heute beurteilen. Klaus Wagenbach – einer der wenigen Verleger, die Lyrik nicht abgeschrieben haben – schätzt, daß es in der Bundesrepublik einen „Kern“ von 800 bis 1200 Lesern gibt, die einigermaßen regelmäßig Gedicht-Neuerscheinungen verfolgen. Bei Claassen und Rowohlt rechnet man mit einer größeren Zielgruppe: mit 5000 bis 10 000 Interessenten. Das hieße, bestenfalls einer von vier- bis achttausend erwachsenen Deutschen liest Gedichte. Die Zahl derer, die selber .Gedichte schreiben, ist gewiß höher. Nach dem erfolgreichsten lebenden deutschen Lyriker fragte „Buchreport“ nicht; es dürfte nach wie vor Eugen Roth sein. Dafür erkundete man, welches die erfolgreichsten Lyrikbände waren: nämlich das Reclam-Heft mit Goethes Gedichten (138 000), dann – wer würde es erraten? – Mascha Kalékos „Lyrisches Stenogrammheft“ (100 000), Gottfried Benns gesammelte Gedichte (70 000), Wolf. Biermanns „Drahtharfe“ (68 000), Ingeborg Bachmanns „Anrufung des Großen Bären“ (60 000), Gunter Grolls „De Profundis“ (55 000). Die Verlage Suhrkamp und Insel gaben ihre Auflagenzahlen nicht preis; auch die sicher erkleckliche Auflage des George Forestier, der angeblich 1951 in Indochina verscholl, hinter dem sich aber der Düsseldorfer Karl Emerich Krämer verbarg, der das Ableben Forestiers sicher überlebte, bleibt eine Dunkelziffer.

Journalisten-Poesie (3)

Beispiel eins (Die Dummheit schießt gedüngt ins Kraut): „Jetzt hat Buñuel wieder sein Zielfernrohr auf die Kamera geschraubt, um, die monströse Cremeschicht im Visier, der vertrauten Alltagstorte ein paar beißende Schrotkörner aufzubrennen. Zwar werden ihm einige Kritiker wieder vorwerfen, daß er greisenhaft verliebt an dem Tortenguß nasche, in dem seine vormals spitzen Zähne steckengeblieben seien, doch andere werden gierig die zurechtverzerrende Traumlupe vors Auge nehmen und mit Buñuel hinüber auf die Spielwiesen des Pariser Großbürgertums gehen, um dort, wo die Dummheit und die Unfreiheit gedüngt ins Kraut schießen, botanisierend die abenteuerlichsten Entdeckungen zu machen.“ – Beispiel zwei (Zuviel verbindlicher Schmelz): „René Kollo hat es sich angewöhnt, wenn er sein wunderschönes Material immer heller und hüllenloser erstrahlen läßt die ausdrucksvollen Töne zu tief anzusetzen und dann allmählich in die Höhe zu schleifen. Was Kollo zuviel an verbindlichem Schmelz aufbringt für seinen Loge (,Weibes Wonne und Wert‘ geriet ihm freilich wundervoll), das fehlte wiederum Frau Varady.“ – Beispiel drei (O Isis und Osiris): „Attilio Labis – ein Kavalierstänzer alter Pariser Schule, nicht gerade sehr aufregend. Doch für Anregung, Spannung und knisternde Erotik sorgte der Abderachman von Reda Sheta im Übermaß: ein junger Ägypter, der wie ein Elementarereignis über die Bühne fegt, das Temperament eines Nasser mit der Weitsicht eines Sadat vereinigend.“ Alle drei Texte wurden vom Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlicht. An der Feder: die Kritiker Gottfried Knapp, Joachim Kaiser und Horst Koegler.

Tante Times über Johnson

Uwe Johnsons noch unvollendete Roman-Tetralogie „Jahrestage“ spielt teils im Mecklenburg der Nazizeit, teils 1967/68 in New York; und in den New Yorker Passagen wird immer wieder des längeren aus der „New York Times“, der „Tante Times“ zitiert. Jetzt nun erschien in New York der erste Band einer auf zwei Bände angelegten, gekürzten englischsprachigen Fassung der „Jahrestage“. „Auntie Times“ ließ ihn besprechen, und der Kritiker, der Romancier Ernst Pawel, erkannte seineStadt wieder: „Wenn (Johnson) bei der Textur der Oberfläche verweilt, verwandelt er den vertrautesten Anblick in eine Offenbarung ... Soweit die Erinnerung reicht, ist er gewiß der erste Schriftsteller, der die tödlichen Tatsachen des Lebens in einer Betonwüste nicht bagatellisiert, aber dabei auch das paradoxe Gefühl der Privatheit, des Atemraums ... eingefangen hat..., der den Mut hat, die Isolierung und Einsamkeit des Großstadtlebens als eine eher befreiende denn menschenfeindliche Kraft zu feiern.“