Von Ralf Dahrendorf

Tendenzwende... Da sind sie wieder, die galten alten fünfziger Jahre, nicht mehr ganz taufrisch, mit einem Hauch von déjà vu, aber eben darum ganz und gar vertraut: Richard Jaeger fordert die Todesstrafe, Ludwig Erhard (oder ist es ein anderer?) beklagt die Ge-– fährdungen der Marktwirtschaft, Franz Josef Strauß steigt von den Bergen und (Ordens-)Burgen, um seinen habsburgischen Träumen von Macht freien Lauf zu lassen, und Helmut Schelsky hat seine Hand fest am Puls des Zeitgeistes, den er gelegentlich mit dem Weltgeist verwechselt.

Als in den frühen fünfziger Jahren die erste Woge des Konservatismus über eine erstaunte Bundesrepublik schwappte, als die Entdeckung sich Bahn brach, wie vieles noch intakt war, Mendes Ritterkreuz eingeschlossen, behauptete Schelsky in seinen "Wandlungen der deutschen Familie", daß diese alle Wirren und Nöte der Zeit unversehrt, wenn nicht gestärkt überstanden hätte. Das Material, auf dem die These beruhte, war dürftig und untypisch, aber die These paßte. Als ein paar Jahre später die Bewältigung der Vergangenheit ihren Höhepunkt erreichte, schrieb Schelsky mit ähnlich dürftigem Material, aber mittlerweile geschulter Feder der Jugend das Epitheton "Skeptische Generation" zu; sie sei weder romantisch noch ideologisch, sondern erwachsen, konkret, unpolitisch. Was davon zu halten war, haben wir mittlerweile gesehen; Schelsky selbst erzählt uns nun auf einmal von der Wiederkehr der vor achtzehn Jahren totgesagten Ideologie,

Dann waren da die kleineren Moden: auf die Korea-Krise folgte Schelskys "Arbeitslosigkeit und Berufsnot der Jugend", auf die beginnende Illustrierten-Konjunktur die "Soziologie der Sexualität", auf die ersten Zeichen, des bildungspolitischen Interesses "Schule und Erziehung in der industriellen Gesellschaft". Durchweg blieb der Autor "auf der Suche nach Wirklichkeit" (wie er seine gesammelten Aufsätze nannte). Dann kam der Machtwechsel von 1969, und Schelsky wurde teils esoterisch, teils still: Einsamkeit und Freiheit, einsame Freiheit.

Nun ist er wieder da, im Kreise anderer (Stein-)Bücher: "Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen Aber ach! Die Wiederkehr der fünfziger Jahre erreicht deren Höhen nicht, und die unverhohlene Freude derer, die einen Schneefall im Mai für den Anfang des Winters halten, stimmt eher traurig. Schelsky hat ein mittelmäßiges Modebuch geschrieben, mit dem er sich als einer der Ideologen der Neuen Rechten ausweist Er ist davon "überzeugt, daß die in diesem Buch entwickelten Thesen nicht so schnell veralten, wahrscheinlich Generationen überdauern werden"; das ist der einzige Unterschied zu seinen früheren Büchern und stimmt diejenigen noch trauriger, die ihn für eine anregende und belebende Erscheinung in der sonst oft faden deutschen Zeitsoziologie halten.

Schelskys Grundthese ist einfach, auch wenn er einigen Aufwand braucht, um sie zu entwickeln. Es gibt Zeiten in der Geschichte, in denen Herrschaft auf physischer Gewalt; beruht und mit geistigen Mitteln verziert wird; es gibt andere Zeiten, in denen Herrschaft auf geistiger Gewalt beruht und die physischen Instrumente hinzukommen. Wir gehen einer Phase einer solchen geistigen, ja geistlichen Herrschaft entgegen. Ihre Träger sind die Intellektuellen, die Produzenten und Vermittler von "Sinn". Sie, die Lehrer, Theologen, Journalisten und Schriftsteller, beherrschen die moderne Gesellschaft durch "Belehrung, Betreuung, Beplanung". Die Arbeit tun sie nicht, denn sie sind die Klasse, die die Freiheit beherrscht. Vielmehr mißbrauchen sie Soziologie, um die Güterproduzenten bei der Stange und sich selbst bei Kasse zu halten.

Der Rest des langen Buches sind Exkurse, Reflexionen und Zitate: zur Unterstützung der eigenen Position Sorel, Gehlen, Freyer, Jünger; dagegen Marx, die Frankfurter Schule, Mitscherlich, Böll und assortierte andere; überraschenderweise, und eher ein Nachgedanke, am Ende als mißverstandener Weggefährte womöglich Mich; weil auch er gegen die Schule ist (wird er sich gegen seine Freunde wehren?). Max Weber wird gebraucht, um den Gedanken einer Priesterherrschaft zu entwickeln (daß die Kirche Land besaß, wußte Weber, aber Schelsky hat es vergessen), Thorstein Veblen, um den Klassenbegriff zu differenzieren (aber die Leisure Class war zum Unterschied von Schelskys Intellektuellen eben nicht entbehrlich). Rezensenten, die Spaß daran haben, können sich mit diesen Marginalien beschäftigen.