Die Pleite gegangenen Berufsläufer-Organisationen WISO und ISSL und die auch in den Niederlanden zunehmend stärker werdende Umweltverschmutzung, die die holländischen Grachten und Kanäle nicht mehr zufrieren läßt, haben den Eisschnellauf in den letzten Jahren von einer Krise in die andere taumeln lassen. Die einst populären Eiskönige Ard Schenk, Kees Verkerk, Jan Bols, Erhard Keller & Co, die sich zu Profis mauserten und so den großen Eisschnelllauf-Festivals in Skandinavien und Holland ihre Helden und damit am Ende auch die Zuschauer nahmen, stürzten diesen Sport in eine schier lebensbedrohende Krise. Und die großen Volksläufe in den Niederlanden, vornehmlich in der Eisläufer-Provinz Friesland, wurden im letzten Jahrzehnt kaum noch arrangiert, weil die wärmer gewordenen Gewässer nicht mehr zufroren. Hollands Schaatsenrijders sahen sich um ihr schönstes Eisfest gebracht: Seit 1963 ist die weltberühmte "Elfstedentocht", der 190-Kilometer-Zug durch elf friesische Städte, an dem sich trotz Wind und Wetter, Eis und Schneetreiben jahrzehntelang Tausende und Abertausende beteiligt hatten, nicht mehr durchführbar gewesen. Die Teilnehmer und Zuschauer der "Elfstedentocht" aber waren letzten Endes, neben Freunden, Verwandten, Kind und Kegel, die treuesten Eisschnellaufanhänger in unserem westlichen Nachbarland.

Doch die Rezession im Eisschnellauf ist schon überwunden. Es sind die Norweger, die in zweifacher Hinsicht neue Zeichen gesetzt und auf bemerkenswerte Weise einer Eisschnellauf-Renaissance den Weg geebnet haben. In die großen 50er und 60er Jahren fühlten sich bei der Vierkampf-Weltmeisterschaft im schönsten Eisschnellauf Stadion der Welt, im "Bislet" in Oslo, die Anhänger dieses Sports versetzt. 30 000 Zuschauer bei einer Weltmeisterschaft, das hat es tatsächlich seit den großen Zeiten Ard Schenks, Jan Bols’, Kees Verkerks oder Atje Keulen-Deelstra? und seit den Olympischen Spielen 1972 in Sapporo nicht mehr gegeben. Stundenlang harrten die eisschnellauf-närrischen Zuschauer trotz beißender Kälte aus. Stundenlang ließ sich auch. Norwegens betagter 71jähriger König Olaf V., der populärste Anhänger dieses Sports in seinem Land, faszinieren. Daß am Ende nicht der 27jährige norwegische Artillerie-Offizier Sten Stensen gewann, sondern sein gleichaltriger holländischer Rivale Harm Kuipers, ein angehender: Chirurg, der nach seinem Triumph prompt seinen Rücktritt und seinen Verzicht auf Olympia signalisierte, störte die norwegischen Fans genauso wenig wie die 2000 holländischen Schlachtenbummler. Gemeinsam feierten sie in Sprechchören und singend und trinkend "Kuipers! Kuipers! Kuipers!" Es war – wieder einmal – wie Karneval, nur ein bißchen unterkühlt à la Bisher.

Und weil’s in Norwegen so schön und das Eis so solide und sicher ist, wird jetzt die "Elfstedentocht" auch auf norwegisches Eis in die Emigration geschickt. Und deshalb heißt das norwegische Lillehammer, ein Paradies aller Wintersportler und – zu Sommerzeiten – aller Segler, künftig Leeuwarden. Und aus Bergseng wird das friesische Sneek. Gjövik und Bröttum verwandeln sich in die niederländischen Orte Bolsward und Ijlst. Jedenfalls für ein paar Tage. Später wird Lillehammer wieder Lillehammer Und Gjövik Wieder Gjövik sein. Und alles nur deshalb, weil Norwegen eine – höchst friedliche – holländische Invasion erwartet. Der berühmt-populäre "Elf-Städte-Zug", der seit 1909 durch die elf friesischen Städte Leeuwarden, Dokkum, Franeker, Harlingen, Bolsward, Workum, Hindeloopen, Staveren, Sloten, Ijlst und Sneek führte, wurde am zweiten Märzsonntag zum zweitenmal auf dem großen Mjösa-See in Mittelnorwegen durchgeführt, wo die Winter noch kälter und das Eis noch fester ist als in Friesland.

Und schließlich ist man in Norwegen genauso eisschnellaufbegeistert wie in Hollands nördlichen Provinzen. 1974 wurde das Experiment zum erstenmal gestartet. Rund 600 Holländer – großenteils eisschnellaufnärrische Friesen – nahmen seinerzeit teil. Diesmal werden es mindestens 1100 sein, und Hollands populärste Eisschnellläuferin, die friesische Hausfrau Atje Keulen-Deelstra, die als vierfache Welt- und dreifache Europameisterin im vorigen Jahr ihren Rücktritt vom Leistungssport erklärt hatte, wird selbstverständlich auch wieder mitmachen. Rund 800 der 1100 Eis-Globetrotter werden die traditionsreichen 190 Kilometer laufen. Der Rest, in erster Linie Jugendliche, Frauen und ältere Teilnehmer, beschränkt sich auf kürzere Distanzen. Allerdings nehmen auch viele Frauen am 190-Kilometer-Lauf teil. Im vorigen Jahr war der holländische Ingenieur Jan Roelof Kruithof, einer der populärsten Schaatsenrijder für lange Distanzen in seiner Heimat, am schnellsten: 6:30:15 Stunden brauchte er für die 190 Kilometer auf dem Mjösa-See, wobei eine 63-Kilometer-Strecke von Lillehammer nach Gjövik – also von "Leeuwarden" nach "Bolsward" – dreimal gelaufen werden muß. So wird die übliche "Elfstedentocht" daraus, jedenfalls in puncto Länge.

Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie und Ironie, daß zu den Initiatoren und Organisatoren einer der populärsten holländischen Eisprofis gehört: Ex-Weltmeister und ehemaliger Olympiasieger Kees Verkerk. Der mittlerweile 32jährige Holländer hat sich in dem norwegischen Hafenstädtchen Kristiansand. niedergelassen und pflegt auf diese Weise alte Kontakte zwischen seiner früheren und seiner heutigen Heimat. Nur zu gern würde Kees Verkerk – aus dem früheren Weltklasse-Eisschnelläufer ist in Norwegen übrigens ein tüchtiger Skilangläufer geworden – selbst mit über den Mjösa-See laufen. Aber noch steht der Ex-Professional Kees Verkerk im Bann der International Skating Union (ISU). Noch ist ihm der Start bei Amateurveranstaltungen verwehrt. Ein olympisches Comeback wird es für ihn ohnehin nie geben, und zwar sowohl aus Altersgründen, denn auch der 1500-Meter-Olympiasieger von Grenoble 1968 wird nicht jünger, als auch wegen der oympischen Regeln. So begnügt sich Kees Verkerk heutzutage damit, von einem Start bei der "Elfstedentocht" zu träumen – auf norwegischem Eis. Vielleicht 1976, vielleicht auch erst 1977. "Aber einmal bin ich auch dabei", hat sich Kees Verkerk geschworen. Der Holländer kann warten. Der älteste Teilnehmer 1974 war 76 Jahre alt. Karl Morgenstern