DIE ZEIT

Posten-Schacher

Für das Amt des Wehrbeauftragten war Werner Buchstaller die schlechteste Wahl, für den Vorsitz im Verteidigungsausschuß ist er nun der erste Anwärter.

Die Friedenstaube mußte Federn lassen

Die Szene war nicht nur von anekdotischem Reiz; sie weckte fatale Erinnerungen: Am Tag des melancholischen Aufbruchs („ein Tag der Trauer“) von seiner gescheiterten Nahost-Mission hatte Henry Kissinger die Felsenfestung Massada am Toten Meer besucht.

Wyhl-Arbeit

Der Bauernkrieg am Kaiserstuhl wird vorerst nicht stattfinden. Drei Freiburger Verwaltungsrichter haben ihn mit einem vorläufigen Votum zugunsten der Bauern aufgeschoben.

Strauß und kein Ende

Empfindsame Zeitgenossen werden den Namen Strauß bald nicht mehr hören können. Keine politische Auseinandersetzung, ohne daß die Bonner Koalitionsparteien seiner nicht in Dankbarkeit und Zorn gedächten.

Weltpolitik an den Grenzen des Machbaren

Es war eine Woche der Hiobsbotschaften: Indochina fällt; der Nahe Osten gerät nach dem Scheitern von Henry Kissingers Vermittlungsmission wieder ins Brodeln; Portugals Rutsch in den Kommunismus setzt sich anscheinend unaufhaltsam fort.

Das Gewissen Amerikas

Wenn man ihn bei einer Konferenz oder auf einer Sitzung beobachtet, könnte man meinen, er schliefe: Stundenlang sitzt er wie ein Buddha da, unbeweglich, die Augenlider gesenkt – dann plötzlich regt er sich, schiebt die vor ihm liegenden Papiere samt Brille beiseite und beginnt, noch ein wenig zögernd und mit gedämpfter Stimme, zu reden.

Zeitspiegel

Die Bundestagsabgeordneten im 29stöckigen Bürohochhaus „langer Eugen“ leben nach wie vor gefährlich. Für den Brandfall dauert ihr Abstieg aus den oberen Etagen durch das Treppenhaus, das es neben den Fahrstühlen gibt, zu lange.

Die heiteren Töne der Vernunft

Der-kühle Blick des Intellektuellen verliert sich, sobald Kurt Biedenkopf lächelt. Dann kann der sonst so distanzierte, stille Mann plötzlich wie ein schalkhafter Schüler wirken.

Die konstruktive Niederlage

Die Rede des CSU-Vorsitzenden Strauß in Sonthofen gibt Anlaß zu einigen grundsätzlichen Überlegungen darüber, was parlamentarische Opposition sein soll.

Unmut über die Genossen

So beißend polemisch hat man Enrico Berlinguer noch nie erlebt wie am Ende des Kongresses der italienischen Kommunisten. Es war, als bräche in dem Zorn und Sarkasmus, mit dem der KPI-Chef seinen christdemokratischen Antipoden Fanfani als „intolerant, ungezogen, grob und geschmacklos“ attackierte, auch grimmer Ärger über eigene Frustrationen aus – darüber nämlich, daß es, nicht rechtzeitig gelungen war, den Tiefschlag, den Fanfani gleich zu Beginn dem Parteitag der Kommunisten versetzt hatte, ebenso schlagfertig zu parieren.

Gefahr aus Lissabon

Frankreichs KP kämpft zur Zeit an vielen Fronten: Sie wühlt in der Armee, schickt Studenten und Gymnasiasten auf die Straße, schürt den Streit bei Renault, besetzt Ministerien.

Die roten Nelken sind verwelkt

Der portugiesische Kollege grinst: "Was haben Sie erwartet? Schlägereien? Demonstrationen, Gewaltszenen? Nein, mein Lieber, Revolution auf portugiesisch ist etwas ganz Besonderes.

Vor dem Auftakt zum Energie-Dialog

Im internationalen Ölpoker steht die nächste Runde bevor: Am 7. April treffen sich in Paris Vertreter der ÖIförderländer, der Industriestaaten und der Dritten Welt, um den Dialog zwischen den wichtigsten Energieexporteuren und -Verbrauchern vorzubereiten.

Der Geist von Sonthofen

Gordisch verknotet sind die Beziehungen zwischen Bonn und Warschau, aber in Bonn scheint man unschlüssig darüber zu sein, ob das Problem alexandrisch gelöst oder in wortreicher Beschwörung aus der Welt geredet werden soll.

DOKUMENTE ZUR ZEIT: Schmidt: Weiter Entspannungspolitik

Ich gehe davon aus, daß es, wie bisher so auch in Zukunft, im Interesse der sowjetischen Führung liegt, im Interesse der polnischen Führung, im Interesse der Führung der DDR und so fort, den Prozeß der Entspannung fortzusetzen, der für sie nicht ein Selbstzweck ist, sondern der einerseits einem tiefen seelischen Bedürfnis der Bürger dieser Länder entspricht, und der andererseits für die Führung dieser kommunistischen Staaten alleine das Tor öffnen kann für die Vertiefung und Verstärkung des wirtschaftlichen Austausches, für den Erwerb fortgeschrittener westlicher Technologien, für die Einfuhr ganzer großer Industrieanlagen in die Sowjetunion.

In der dritten Phase fielen die Städte

Der erste Krieg in Vietnam begann am 19. Dezember 1946 um 20.04 Uhr, als General Giap das Kraftwerk von Hanoi in die Luft sprengen und im selben Augenblick das Feuer auf die überrumpelten französischen Truppen in der Stadt eröffnen ließ.

Wird Washington noch helfen?

Nach der Rückkehr von seiner erfolglosen Vermittlungsaktion im Nahen Osten steht Außenminister Kissinger zu Hause vor neuen Problemen: Amerika starrt gebannt und ratlos auf die Entwicklung in Südostasien.

München als Muster

Im Bayerischen Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltschutz warten fünfzig Millionen Mark. Sie sind Zeitgenossen mit praktikablen Ideen zugedacht, die wissen, wie triste Großstädte künftig in Freizeit-Eldorados umfunktioniert werden können.

Klein aber fein

Beim Start handelte es sich tatsächlich um ein Massenverkehrsmittel: Nicht weniger als rund 80 000 von 300 000 Bonnern gingen unter die Erde, als sie am Sonntag endlich ihre U-Bahn in Besitz nehmen konnten – zum Sonderpreis.

Beamtenkumpel oder Seelsorger?

In den Morgenstunden des 1. Juli 1973 wird in der Justizvollzugsanstalt Mannheim ein 17jähriger Untersuchungsgefangener erhängt aufgefunden.

Kritik am Marxismus

Seit dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution ist mit dem Namen Karl Liebknecht die Vorstellung des unermüdlichen und opferbereiten Agitators verbunden.

Machiavellis „Principe“: Ein Galilei der Politik?

Selten geworden ist jene Art schriftstellerischwissenschaftlicher Betrachtung, die nicht gleich große Gegenstände in voluminösen Büchern ersticken läßt, die sich vielmehr in vielerlei Hinsicht zu bescheiden weiß: an einer exquisit-interessanten Fragestellung auf wenigen Seiten ein allgemeines, gewichtiges Problem aufzudecken – im Stil disziplinierter Bescheidenheit, gerade darum aber gelegentlich um so wirksamer.

Konflikt mit Lenin

Georg W. Strobel: „Die Partei Rosa Luxemburgs, Lenin und die SPD. Der polnische ‚europäische‘ Internationalismus in der russischen Sozialdemokratie“; Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1974; 759 S.

„Elf-Städte-Zug“ nun auch in Norwegen

Die Pleite gegangenen Berufsläufer-Organisationen WISO und ISSL und die auch in den Niederlanden zunehmend stärker werdende Umweltverschmutzung, die die holländischen Grachten und Kanäle nicht mehr zufrieren läßt, haben den Eisschnellauf in den letzten Jahren von einer Krise in die andere taumeln lassen.

Wider die Verhausschweinung

Dieser Beitrag von Dr. Karl Adam, dem bekannten Trainer, ist seinem soeben in der Nymphenburger Verlagsanstalt erschienenen Buch: Leistungssport – Sinn und Unsinn – entnommen.

Zurück zum starken Mann!

Er nennt sich einen Marxisten. Doch er redet wie ein Dichterfürst, ist durchdrungen vom Glauben an Macht und Größe des einzelnen.

Der fromme Judas

Ich stelle den Antrag, Judas aus Kerioth selig zu sprechen, der ein Sohn des Simon war und im Volksmund bis heute „Judas, der Sichelmann heißt.

Kooperation statt Propaganda

Noch komplizierter: auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik, eines Landes, das sichtlich Schwierigkeiten hat, sich anders denn als etwas dümmlicher Industriegigant zu präsentieren.

Der Dixieland ist ivieder in Mode: Ein Abklatsch von Vitalität

Man kann der Meinung sein, Dixieland sei nichts anderes als die akustische Kulisse stärkeren Bierkonsums; man kann die zickige Fröhlichkeit, die kleinkarierten Witzchen, diesen ganzen krampfigen Humor peinlich oder ärgerlich finden; man kann die ausgeleierten Klischees von „lustig“ und „traurig“, die ewig gleichen Phrasen fad und langweilig finden; man kann sich an den Kopf fassen über die stupide Naivität, mit der manche Sänger immer noch den heiseren Gesang Louis Armstrongs nachmachen, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, daß sie damit nicht nur eine miese Karikatur von Vitalität und Originalität abgeben, sondern – unbewußt natürlich – obendrein ein Schlimmes Onkel-Tom-Image verewigen, ein Bild vom Neger, das der gesellschaftlichen Situation von heute grotesk widerspricht.

Zeitmosaik

Ich schlage vor, nicht über die Funktion des Theaters zu diskutieren, sondern über das Funktionieren der Theater, und die Aufgabe der kommenden Jahre etwas bescheidener (oder realer) zu formulieren: denn nicht die Lehren einer neuen Funktion, sondern ein erneutes Lernen der Theater wird nötig sein.

Schwarzes Kulturbewußtsein im Zwiespalt

Für die große Mehrheit der weißen Amerikaner sei es ebenso schwer, das Negerproblem zu lösen, wie es ungelöst zu lassen; das sei peinlich und schaffe moralische Verlegenheit.

Filmtips

Sehenswert: „Extrablatt“ von Billy Wilder. Weit „His Girl Friday“ (1941) von Howard Hawks gesehen hat, muß von dieser dritten Kino-Version der klassischen Broadway-Komödie „The Front Page“ ein wenig enttäuscht sein: Wilder, der nach dem kommerziellen Fiasko von „Avanti“ endlich wieder einmal einen Hit produzieren wollte, erreicht nie das irrwitzige Tempo des Hawks-Films, kapriziert sich statt dessen auf irritierend unflätige Dialog-Schlachten.

Gerd Bucerius zu Fragen der Zeit:: Törichte Arbeit

Der Berliner Verleger Klaus Wagenbach(schrieb der ehemalige Stuttgarter Oberlandesgerichtspräsident Richard Schmid vor vierzehn Tagen in derZEIT) „hatte im Hinblick auf den Tod von Benno Ohnesorg und Georg von Rauch das Wort ‚Mord‘ gebraucht“.

Kunstkalender

Vom Wessobrunner Gebet bis zu Bertolt Brecht – das Panorama einer literarischen Landschaft. Bücher zum Anschauen, Literatur unter Glas – vor den Vitrinen stehend, fragt man sich, wie viele der literaturhistorischen Dokumente, die darin ausgelegt sind, tatsächlich noch zum lebendigen Literaturerbe gehören.

Von Frauen und von Frauenfeinden

Man stelle sich vor, Fußballspiele würden künftig vormittags übertragen, Kindersendungen kämen um Mitternacht zur Darbietung und politische Magazine begännen am frühen Morgen.

Oberammergau in der Wüste

Vor der ersten Szene sind vier Verse einer Bibel-Stelle zu lesen, in schönem Luther-Deutsch, und eine weibliche Stimme rezitiert das zu Lesende mit französischem Akzent, in jenem larmoyanten und die ganze Tragik des eigenen Unvermögens ausbreitenden Tonfall, der schon Straubs früheren um Musik herumkreisenden Film „Das Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach“ so unerträglich machte.

Was halten Sie von Thomas Mann?

Am 6. Juni ist sein hundertster Geburtstag, am 12. August sein zwanzigster Todestag; die zwölfbändige Ausgabe seiner Werke wurde Ende vorigen Jahres durch einen dreizehnten Band, vervollständigt; im Mai erscheint der erste Band seiner „definitiven“ Biographie; vielerorts rüstet man sich zum Gedenken: 1975 ist ein Thomas-Mann-Jahr.

Familienbild in einem Interieur

Der alte Mann und der Berliner Revolutionär von 1968, Viscontis Rückkehr zu Gegenwart und Politik, seine Abrechnung mit dem Neofaschismus, sein Requiem für eine kranke Gesellschaft, für zwei gescheiterte Generationen: verwirrende Meldungen, die dem neuen Film von Lucchino Visconti vorauseilen, den er selbst seinen politischsten seit „Die Erde bebt“ (1948), seinen persönlichsten seit dem „Leopard“ (1963) nennt.

Tod auf goldenem Müll

Brünnhilde ist schon – „Selig grüßt dich dein Weib“ – stehend sterbend dem gemeuchelten Siegfried nachgefolgt, und die Musik zelebriert die kultische supraexistentielle Vereinigung in hymnischen Klangekstasen – da, am Ende, geht noch einmal für ein paar Sekunden der Vorhang hoch, und kaltgleißendes Xenonlicht erhellt einen leeren weißen – Raum.

Die neue Schallplatte

„George Gershwin Anthology“. Eine wunderbare Idee: George Gershwins Musik nicht im Konzertsaal zu pflücken und wie ein teures Bukett dunkelroter Rosen zu präsentieren, sondern überall zusammenzulesen wie einen Strauß von bunten Strohblumen.

Von ZEIT-Mitarbeitern

Rudolf Walter Leonhardt: „Das Weib, das ich geliebet hab – Heines Mädchen und Frauen.“ Der Untertitel ist Heinrich Heines Büchlein „Shakespeares Mädchen und Frauen“ nachgebildet.

ZEIT-Kritik

Wer von "dem Hensel" spricht, meint nicht mehr den Theaterkritiker aus Darmstadt Georg Hensel, sondern das große Lesebuch über Theater, Dramatiker, Stücke, Regisseure, Schauspieler: "Spielplan – Dramen und Dramatiker von der Antike bis zur Gegenwart" (1966).

Verzifferte Welt

Das Schwinden der musischen Bildung hinterläßt Hohlräume“, so heißt es in Ernst Jüngers neuestem Essay-Band, „die auszufüllen die Erfindung“ mit ihrem Willen zur Macht sich heute mehr denn je bemüht.

Die Streß-Bekämpfer

Für Einbauküchen und Schreibtische – so ist die landläufige Meinung – versprechen genormte Höhen ein Optimum an Bequemlichkeit.

Die große Vernebelung

Wie läuft es weiter mit der Konjunktur? Welche „Reformen“ will die Koalition in dieser Legislaturperiode noch verwirklichen? Wie sollen nach der Rekordverschuldung dieses Jahres die Staatsfinanzen wieder in Ordnung gebracht werden? Wer von der drei Tage währenden Haushaltsdebatte im Bundestag Aufschluß über diese Fragen erwartet hatte, wurde enttäuscht: Die Konturen der Wirtschafts- und Finanzpolitik sind so verschwommen wie zuvor.

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