Wir stehen erst; am Beginn der neuen Hauptversammlungs-Saison, meine verehrten Leser, aber schon jetzt läßt sich erkennen, welches das Hauptdiskussionsthema sein wird: die Dividende. Im vergangenen Jahr stand dieser Streitpunkt hinter der von der Verwaltung und den Aktionären gemeinsam getragenen Abwehr der Regierungspläne zur Teilenteignung der Aktionäre zugunsten anonymer Fonds und zur Ausweitung der Mitbestimmung zurück. Die Hauptversammlungen des Jahres 1974 verliefen daher in ihrer Mehrzahl in ungewohnter Eintracht.

Das dürfte sich 1975 ändern. Ein Teil der Aktionäre denkt nicht daran, sich mit den ihnen von den Verwaltungen „zugestandenen“ Dividenden abzufinden. Sie fordern die Ausschüttung eines höheren Teils der Gewinne. Auf der RWE-Hauptversammlung war die Zahl der Opponenten gegen den Gewinnverwendungsvorschlag recht beachtlich. Hier lagen allerdings besondere Verhältnisse vor. Die kommunalen Aktionäre verfolgen Interessen, die nicht mit denen der freien Kleinaktionäre übereinstimmen. Die Kommunen glauben offensichtlich, nicht gleichzeitig einer Dividendenerhöhung und einer Anhebung der Strompreise zustimmen zu können. Allerdings scheint die Kritik an der RWE-Verwaltung Früchte zu tragen. Die jüngste Verlautbarung des RWE-Vorstandes über den Verlauf des Geschäftsjahres 1974/75 läßt Hoffnungen auf eine Dividendenanhebung keimen.

Auch auf der Siemens-Hauptversammlung wurden Forderungen nach einer höheren Dividende laut. Das war zu erwarten. Siemens erzielte 1973/74 eine erhebliche Gewinnsteigerung, die allein zur Rücklagenstärkung benutzt wurde. Bei Siemens scheut man Dividendensätze, die über acht Mark je Aktie hinausgehen. Gleichwohl sind die Siemens-Aktionäre mit ihren Papieren in der Vergangenheit nicht schlecht gefahren. Der Verzicht auf „Super-Dividenden“ wurde ihnen versüßt durch Kapitalerhöhungen zu günstigen Bedingungen. Wer die ihm angebotenen jungen Aktien insoweit bezog, als sie durch Verkauf von Bezugsrechten zu finanzieren waren, sorgte für eine stetige Renditesteigerung seines Siemens-Engagements. Das zahlt sich natürlich nur aus, wenn man Siemens-Aktien als Dauerbesitz ansieht.

Übrigens sollte nicht übersehen werden, daß eine höhere Ausschüttung nicht nur mehr Geld für die Aktionäre erfordert, sondern auch hinsichtlich Tantimenen und Gewinnbeteiligungen recht kostspielig wird, die an den Dividendensatz gekoppelt sind. So gesehen bietet die Siemens-Dividendenpolitik auch für den Aktionär Vorteile. Allerdings wird er sie nicht auf den ersten Blick erkennen können.

Eine besondere Art von Gewinnverteilung treiben die deutschen Hypothekenbanken. Vorrang hat bei ihnen die Rücklagenbildung. Vom Gesamtgewinn erhalten die Aktionäre jeweils nur einen geringen Teil. Diese Dividendenpolitik ist auf die Interessen der Großaktionäre, im wesentlichen der Geschäftsbanken, zugeschnitten. Über entsprechende Mehrheiten haben die Großaktionäre die Realkreditinstitute fest in der Hand.

Ist eine Opposition gegen ihre Gewinnverwendungspolitik deshalb von vornherein sinnlos? Der Berliner Aktionär Wolf gang F. Dalchow leitet seine Oppositionserklärung gegen den Dividendenvorschlag der Deutsche Centralbodenkredit AG, Berlin–Köln, mit den Worten ein: „Wenn die Aktionäre nichts wollen, kriegen sie nichts!“ Sicher ist, daß sich in offener Hauptversammlungsfeldschlacht eine Änderung des Dividendenvorschlages nicht durchsetzen läßt, zumal – wie im Falle Centralboden – die Deutsche Bank rund 65 Prozent des Aktienkapitals besitzt. Die eigentliche Dividendenentscheidung fällt bei jeder Gesellschaft im Aufsichtsrat. Gleichwohl wäre es nach meiner Ansicht falsch, wegen dieser Unumstößlichkeit von vornherein auf jede Opposition zu verzichten. Es kommt mehr denn je darauf an, die Interessen der Kleinaktionäre auch in der Öffentlichkeit zu vertreten. In den Augen mancher Verwaltungen sind Aktionäre nichts anderes als lästig und nur zu gebrauchen, wenn das Kapital erhöht werden muß.

Bei den Hypothekenbanken entfällt obendrein noch die Notwendigkeit einer Kapitalerhöhung durch die Ausgabe junger Aktien. Die Großaktionäre verlangen von ihren Hypothekenbank-„Töchtern“, daß sie ihre Gewinne in erster Linie zur Aufstockung der Rücklagen benutzen, um auf diese Weise jene Eigenkapitalbasis zu schaffen, die für das Neugeschäft notwendig ist. Es paßt nicht in die geschäftspolitische Linie, das Kapital der Töchter durch Barkapitalerhöhungen aufzustocken. So verfügen viele Hypothekenbanken über offene Rücklagen, die ein Vielfaches des dividendenberechtigten Aktienkapitals ausmachen. Die Hypothekenbankdividenden sind demgegenüber bescheiden. Daß diese Art der Gewinnverwendung nicht steueroptimal ist, kann nicht bezweifelt werden. Das wären hohe Ausschüttungen mit anschließenden Kapitalerhöhungen, also das „Schütt-aus-hol’-zurück-Verfahren“, für das sich Großaktionäre natürlich nicht erwärmen können.