Von Ben Witter

Die meisten Fassadenkletterer gab es, als die Straßenbeleuchtung noch nicht elektrisch war, aber seitdem die Straßenbeleuchtung elektrisch ist und Zug um Zug verbessert wird, ist es an den Fassaden auch ruhiger geworden. Fensterputzer und Gerüstbauer sind als Fassadenkletterer nie besonders aufgefallen, die größten waren Amateure. Jetzt kletterte einer an einer Regenrinne hoch, nach langer Zeit mal wieder einer, stieg in zwölf Meter Höhe um, machte ein Fenster auf, ließ Autoradios für eine halbe Million mitgehen, und die Polizei sagte: "Das ist ein Artist gewesen."

Liest er das in der Zeitung, dann wirkt das beruhigend auf seinen Magen, weil er magenkrank ist; alle Einbrecher, und was sind Fassadenkletterer denn sonst, haben es mit dem Magen. Und wenn sie ihn greifen, braucht er sich vor der Verhandlung keine Beruhigungstabletten reinzutun, das Gericht hört gespannt zu; in ihren Augen ist er auch ein Artist, und es sucht bestimmt nach Milderungsgründen. Im Knast ist er noch mehr als ein Artist, für den Hofkalfaktor bis rauf zum Anstaltsleiter ist er der Allergrößte. Aber statt sich gleich auf seinen Magendruck behandeln zu lassen, rülpst er weiter und ißt Dörrgemüse. Wie viele Einbrecher sind schon an einem Magendurchbruch eingegangen. Und wenn sie aufgeschnitten wurden, war es manchmal Krebs.

Hochstapler haben es auch mit dem Magen, aber wenn die im Bau sind, ziehen sie sofort die Klappe und wollen zum Arzt. Geldschrankknacker haben es nicht so oft mit dem Magen, die leiden hauptsächlich an Störungen des vegetativen Nervensystems.

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Weil er eine feste Adresse hat, und die schon seit über vier Jahren, aber nicht nur das, sogar Familie ist da, Frau und Kind, durfte er nach seiner Verurteilung wieder nach Hause gehen. Jeden Tag rechnete er dann mit dem "Stellungsbefehl" ins Zentralgefängnis und stieß erstmal den Wagen ab. Da es aber schnell gehen mußte, lag der Kurs weit unter dem Taxpreis. In seiner Firma hatte man ihn längst gestrichen, und in sein Stammlokal ging er auch nicht, die dachten, er wäre verreist. Zu seiner Frau sagte er jeden Abend, daß es heute vielleicht der letzte Abend ist, und sie wartete aufs Bett. Der "Stellungsbefehl" kam aber nicht. Da er angeblich ja verreist war, seine Frau hatte es allen gesagt, als der Prozeß anfing, verdrückte er sich, wenn es im Haus ruhiger war, das war kein Weggehen, und er ging auch nicht spazieren, er lief herum, da, wo ihn niemand kannte, und gerade da konnte er mal gesehen werden. Er spielte den ganzen Tag mit seiner Tochter, die erst zwei war, und seine Frau sagte: "Mit einemmal."

Da legte er sich tagsüber auch gleich ein paarmal mit seiner Frau ins Bett. Und abends dann wieder. Nachts sitzt er oft in der Küche, im Dunkeln. Aber der "Stellungsbefehl" kommt nicht. Und er sagt sich, vor Feiertagen kommt er nicht und auch nicht an meinem Geburtstag, das steht für ihn fest. Er weiß ja nicht, daß sich die Justizbehörde nicht um sein Geburtsdatum kümmert und "Stellungsbefehle" auch vor Feiertagen verschickt.