Wenn ihre politische Phantasie erstirbt, so fällt Bonner Parlamentariern immer noch ein Untersuchungsausschuß ein. Davon lassen sie sich selten abbringen, schon gar nicht durch schlechte Erfahrungen. Denn es kommt immer etwas heraus: außer einem Bericht wenigstens Futter für neue Verdächtigungen, die einen neuen Untersuchungsausschuß erfordern.

Um scheinheilige Polemik geht es jenen, die nun die Wiederauflage des Steiner- und des Guillaume-Ausschusses androhen. Die Bestechungsaffäre um den ehemaligen CDU-Abgeordneten Julius Steiner hat zwar weder Beweis noch Gegenbeweis für Korruption erbracht, doch ist der Kloakengeruch der Bestechlichkeit am ganzen Parlament hängengeblieben. Er kann eigentlich nur noch penetranter werden, falls sich das nötige Quorum von Abgeordneten finden sollte, die das Hörensagen-Wissen eines Beamten namens Toelle für erörternswert und als beweiskräftig ansehen. Seit Wochen wabert das Gerücht durch Bonn, Herr Toelle habe von Herrn Guillaume, dem Spion, gehört, daß Herr Ehmke gesagt habe, daß... Natürlich will die Koalition es nicht hinnehmen, daß ihr vor aller Augen das Etikett der Korrumpierung angeklebt werden soll. So zerren ihre Scharfmacher nun die Scheinleichen der Union auf die Rampe: Leo Wagner, Heinrich Gewandt, Lothar Haase, sogar Karl Carstens sollen Stoff für einen Gegen-Untersuchungsausschuß abgeben.

Gemeinsam ist beiden Seiten, daß sie sich mit der Methode begnügen, es werde schon etwas hängen bleiben. Mit Fakten geizen sie. Sie haben keine. Gäbe es welche, dann kämen die auf den Tisch, auch ohne Untersuchungsausschuß. E. N.