Von Wolfgang Boller

Auf Indiens heißen Straßen rollt ein seltsames Gefährt: ein roter Omnibus älterer Bauart nebst Anhänger vom Ausmaß eines Möbelwagens mit 39 Gucklöchern, die an Schießscharten erinnern. Die Bestimmung des Aluminiumkastens, der in Kombination mit dem Reisebus westdeutschen, norwegischen und schweizerischen Sicherheitsvorschriften widerspricht, veranlaßt Uneingeweihte bisweilen zu ebenso heiteren wie naheliegenden Fehldeutungen („Donnerwetter – die deutschen Brieftauben reisen aber komfortabel“).

Der Kasten ist großspurig beschriftet. Deutschkundige Ausländer wissen sogleich, was sie vor sich haben – eins von den Rollenden Hotels des Erfinders und Reiseveranstalters Georg Höltl aus Tittling in Niederbayern. Der vermeintliche Taubenschlag ist ein Massenwohnwagen, ein transportables Dormitorium für die Brüder und Schwestern vom Orden der sparsamen Welterkunder. Ihre Ankunft in einem indischen Dorf erregt ähnliche Aufmerksamkeit, wie sie die Landung einer fliegenden Untertasse hervorrufen würde.

Auf den Straßen Europas, Asiens, Afrikas, Australiens und Amerikas sind insgesamt 42 Rollende Hotels unterwegs – sicher die unbequemste, anstrengendste, aber auch preiswerteste Möglichkeit organisierter Gesellschaftsreisen. Die Erfindung des Rotels (Patent Nr. 1223 705) hat dem Außenseiter im Bayerischen Wald Millionen eingetragen. Namentlich betagte Reisende sind offenbar von dem Gedanken bestochen, das eigene Bett, die Gemeinschaftsküche und den verantwortlichen Reiseleiter stets in Reichweite zu haben.

Das Programm umfaßt etwa 100 Routen, davon 29 in Europa einschließlich Ukraine, etwa 20 in allen Teilen Afrikas. Rotels rollen in der Türkei, in Arabien, Persien und Afghanistan, Indien und Nepal, Sibirien, Japan und USA, Südamerika und Australien. Die billigste Reise führt von München nach Rom und Assisi. Sie dauert eine Woche und kostet 240 Mark. Die teuerste Rotel-Tour wird als Flugreise mit Zwischenlandungen in Bangkok und Singapur angeboten. Sie erschließt die Hälfte des australischen Kontinents, dauert dreißig Tage und kostet einschließlich Flug 4400 Mark. Vorteilhaft und sogar plausibel scheint die auf eigene Faust undurchführbare Saharadurchquerung zu sein, eine Spezialität des Unternehmens: Dreißig Tage für 2290 Mark. Höltl in niederbayerischer Bescheidenheit: „Das kühnste Touristenprogramm, das es je gab.“ Die Indienfahrt entlockt ihm, vertraut im Umgang mit Superlativen, ein weiteres Geständnis seiner Unübertrefflichkeit: „Das beste Studienprogramm, das je angeboten wurde.“

Das beste Programm hat Ähnlichkeit mit der Krudität eines Negersklaventransports im achtzehnten Jahrhundert. Die Indienfahrer, tags im glühenden Bus, nachts im kochenden Aluminiumgehäuse mit der Bettengliederung nach dem Vorbild der spanischen Friedhofsordnung (ein Mensch, dem die ganze Welt gehört, braucht sicher nicht mehr Platz als einer, der sie verlassen hat), büßen die Lust der Welterkundung mit den Qualen einer mörderischen Strapaze. Indien in dreißig Tagen, das ganze Indien muß es sein (mit Flug bis und von Bombay): Das sind 25 Fahrtage auf einer Strecke von 11 200 Kilometern!

Die Fahrt geht gen Norden bis Delhi, nach Osten bis Benares, über Madras und Mahabalipuram zum Cap Comorin und entlang der Westküste über Bangalore zurück nach Bombay. Höltls Photoexpedition durch Indien ist bei Würdigung der miserablen Straßen, Unterbringung und Verpflegung, unter Hitze, Staub, Durst und Besichtigungsstreß, die größte Reisezumutung, die ein Veranstalterhirn ersinnen kann.