Die Gen-Forscher wollen weiter experimentieren. Wissenschaftler aus sechzehn Ländern beschlossen. in Asilomar in Kalifornien während einer internationalen Konferenz, ein Moratorium zu beenden, das sich einige von ihnen im vergangenen Sommer selbst auferlegt hatten. Sie werden nun wieder ihre Laborversuche aufnehmen, um etwa bei der künstlichen Verschmelzung von Zellkernteilen verschiedener Lebewesen den Geheimnissen der Vererbung auf die Spur zu kommen. Um mögliche Gefahren einer Gen-Manipulation auszuschließen, wollen die Experten allerdings fortan noch vorsichtiger sein als bisher.

Dem Beschluß von Asilomar waren weltweite Diskussionen über die Risiken des Eingriffs in den Zellkern vorausgegangen. Das Votum in Kalifornien ist jetzt der Versuch, die Selbstverantwortung des Wissenschaftlers konkret zu praktizieren. Aber damit sind noch längst nicht alle aufgeworfenen Fragen beantwortet. Schäden können bei derartigen Experimenten sowohl die im Laboratorium Arbeitenden als auch Unbeteiligte erleiden. Der Schweizer Molekularbiologe Max Birnstiel hat diese Situation an den Fronten der modernen Biologie charakterisiert: „Die möglichen Risiken leiten sich insgesamt aus unerwarteten und möglicherweise gefährlichen Veränderungen der Beziehungen zwischen neu konstruierten Viren und Bakterien und ihrer Umgebung ab.“.

Eine britische Expertenkommission hat kurz vor der Konferenz in Kalifornien die Ergebnisse einer Untersuchung der Folgen von Gen-Manipulationen veröffentlicht. Die Gruppe kam unter ihrem Vorsitzenden Lord Ashby unter anderem zu folgender Darstellung der Gefahren: „Man kann sie am einfachsten beschreiben als eine neue Kombination genetischer Information, die es bisher in der Natur noch nicht gibt und die deshalb nicht der natürlichen Auslese unterworfen worden ist. Eine derartige Kombination könnte – das ist zunächst nur eine Spekulation – Krankheiten vom Tier zum Menschen übertragen, bösartigen Zellwuchs oder eine unüberwindliche Resistenz gegen Antibiotika hervorrufen.“

Die britischen Experten nennen aber auch die Vorteile, die es nahelegen, diese Art von Forschungsarbeiten fortzusetzen. Auf Ergebnissen der Grundlagenforschung aufbauend, könne man wahrscheinlich den Mechanismus der Gene besser verstehen. In diesem Zusammenhang komme es darauf an, im Experiment das Funktionieren von Teilstücken der DNS (Desoxyribonukleinsäure) zu analysieren. Auch die Untersuchung von Plasmiden könne zu einem besseren Verständnis der Bakterienvirulenz und der Resistenz gegen bestimmte Medikamente führen.

Schließlich zeichne sich die Möglichkeit ab, durch die Veränderung von Zellkernstrukturen mehr Nahrung zu gewinnen. Hierbei handelt es sich um Versuche, Pflanzen durch Gen-Manipulation so zu verändern, daß sie keinen künstlichen Dünger mehr benötigen. Die Gene würden – erreicht man das Ziel – so programmiert, daß die Pflanze direkt den Stickstoff aus der Luft aufnimmt und umwandelt.

Eines Tages mag es sogar gelingen, die Gen-Manipulation so zu steuern, daß man Krebs bekämpfen und Erbkrankheiten verhindern oder heilen könnte. Vieles davon ist allerdings gegenwärtig noch reine Utopie. Angesichts der ungeahnten Möglichkeiten aber soll die Forschung weitergeführt werden. Man will nur alle denkbaren Vorkehrungen gegen ein Entweichen gefährlicher Zellkerne treffen. Schutzkleidung, Arbeiten im Unterdruck-Laboratorium und die ständige Isolation von bestimmten Experimentierstationen gehören dazu.

Schließlich sollen Informationen über neue Erfahrungen in den einzelnen Ländern von Sonderkommissionen erörtert und international ausgetauscht werden.