Er stand in der Wüste bei den Zelten der Tuareg. Er war mit Reisenden gekommen und hatte Abwechslung und Umsatz gebracht. Aber er dünkte sich auch Nothelfer und Besänftiger aller Schmerzen. Im Zelt war eine kranke Frau. Er sammelte bei der Reisegruppe Medikamente, um sie zu kurieren. Es kam ihm nicht in den Sinn, die Frau im Landrover in die nächste Stadt mitzunehmen. Er schwoll im Gefühl, Herr zu sein über Leben und Tod, und war doch nur ein Zwerg – er, der Reiseleiter.

Er war Reiseleiter, arrangierte Abenteuertouren ins Innere der jungen afrikanischen Republik Mali. Diese gewiß nicht einfache Aufgabe hatte ihm die Perspektive verzerrt. Er war von seiner Machtvollkommenheit berauscht und korrumpiert zugleich. Vielleicht war er von seiner vermeintlichen Bedeutung ja wirklich überzeugt, kaum von Zweifeln angekränkelt, daß einzig er in einer Welt des Zufalls das Rezept der Verläßlichkeit besitze, daß ohne seinen dynamischen Einsatz kein Flugzeug starte, keine Mahlzeit bereitet werde. Er zelebrierte seine Charge wie ein Meßopfer: Siehe, er stampfte in Mali den Tourismus aus dem Boden. Wäre er weniger blind und anmaßend gewesen, hätte man ihn bemitleiden oder belehren können.

Der Jüngling hatte mehr von den Untugenden eines Reiseleiters, als einem allein gestattet ist. Niemand nahm ihm übel, daß er seinen Vorteil erkannte und mit grimmiger Entschlossenheit wahrte, daß er sich aus Angst vor Blößen Antworten zusammenlog und die Reisegruppe wie ein Fähnlein von Jungpimpfen befehligte. Schlimmer war die plumpe Dreistigkeit, mit der er vor den Reisenden seine Patzer und Inkompetenz kaschierte, schlimmer war die angemaßte Überlegenheit des weißen Mannes gegenüber schwarzen Kellnern und Kofferträgern.

Das Amt des Reiseleiters, namentlich in der Dritten Welt, ist von Versuchungen umlauert. Er ist die Vertrauensperson der ohne seinen Rat meist hilflosen Touristen, zugleich aber auch die Schlüsselfigur für einheimische Handwerker und Händler, Schmarotzer und treuherzige Betrüger. Von jenen hat er Aufmerksamkeiten, von diesen Provisionen zu gewärtigen. In der Sonne seiner Gnade blühen Zufriedenheit und Profite, und er hat Vorteile von beiden. Vielen Reiseleitern ist ihre Gottähnlichkeit zu Kopf gestiegen. Einer kann nicht jahrelang Bonbons unter die Kinder werfen und wider besseres Wissen schwatzen, ohne Schaden an der Seele zu nehmen. Gelegentlich haben sich Reiseleiter Flügel anhängen lassen. Es: gibt einen Engel von Kamerun und einen Engel von Nepal. Sie haben Kleider gesammelt und Kindern den Schulbesuch ermöglicht.

Ähnliches muß im Hirn desReiseleiters von Mali gespukt haben. Er fand sich, wenn schon nicht zum Engel, so doch zum Weihnachtsmann berufen. Als er am Rande der Wüste von Fieberanfällen der Tuareg-Frau hörte, erkannte er auf Malaria und forderte die Touristen auf, ihm ihr übriges Resochin abzuliefern.

Es gab keine Diagnose, kaum Vermutungen. Ein Laie verfügte die Therapie, verabfolgte das Medikament und bestimmte die Dosierung. Es kümmerte ihn nicht, daß das Malaria-Prophylaktikum Resochin in Deutschland verschreibungspflichtig ist. Kontraindikation und Nebenwirkungen waren ihm gleichgültig. Gewarnt vor möglichen unliebsamen Folgen seines Eingreifens und gefragt, wer dafür wohl die Verantwortung trage, schlug er sich an die Brust wie ein General, der an Verantwortung vor der Geschichte gewöhnt ist – er, der Reiseleiter. bo