Von Jean Améry

Deschner, Theologe, Philosoph, Literaturkritiker, freier Schriftsteller, hat „ein Kreuz“ mit der Kirche. Er trägt es nicht mit Geduld, sondern im Zorn. Er sprach auch schon von der „Kirche des Unheils ganz kompromißlos, als radikaler Aufklärer bester Feuerbachscher Tradition. In seinem letzten Werk –

Karlheinz Deschner: „Das Kreuz mit der Kirche – Eine Sexualgeschichte des Christentums“; Econ Verlag, Düsseldorf, 1974; 490 S., 32,– DM

nimmt er sich speziell die Triebbeugung, Triebableitung, Triebverschandelung vor, deren sich in seinen Augen die Römische Kirche schuldig gemacht hat. „Man kann sich fragen“, so heißt es im Vorwort des kompakten, jede Gegenargumentation gleichsam mit einer Dampfwalze plattdrückenden Werkes, „ob nicht alle weiteren Untaten des Christentums weniger verheerend waren als die ungeheure moralische Verkrüppelung und Fehlerziehung durch diese die Entsagungen, die Zwänge, den Geschlechtshaß züchtende Kirche.“ Tatsächlich wird aber hier von einem unerschrockenen, nicht zur geringsten Konzession bereiten, militanten Atheisten nicht so sehr das Christentum aufs Korn genommen als eben die Kirche als Institution, die für Deschner noch heute, in der Epoche der genommen Revolution“, verantwortlich ist für die Freudlosigkeit des Lebens. Deschner glaubt, der Mensch müsse nur das Kreuz abwerfen, um mit der schuldlos erlebten Lust auch sein ganzes Menschentum wiederzufinden.

Vieles imponiert an diesem Werk, vor allem, daß Deschner mit einer Akribie ohnegleichen geforscht hat und nicht müde wird (und hierbei auch seinen Leser niemals ermüdet), historische Fakten – häufig dem Nichttheologen – unbekannter Art auszubreiten, und daß er so seiner populär geschriebenen Arbeit das Gewicht ernsthafter Wissenschaftlichkeit verleiht. Man gewährt ihm darum Vertrauenskredit auch dort, wo man ohne eigene wissenschaftliche Arbeitsleistung außerstande ist, ihn zu kontrollieren.

Stimmt es, daß der dreiundzwanzigjährig verstorbene Jesuit Aloysius Gonzaga vor Scham errötete, wenn er mit seiner Mutter allein war und beim Treppensteigen auf jeder Stufe das Ave Maria sprach? Hat die französische Salesianerin Marguerite Marie Alacoque (1647–1690) sich ein Jesus-Monogramm in die Brust geschnitten und dieses, wenn es zu schnell heilte, mit der Kerze ausgebrannt? Hat Papst Pius XI., Förderer und Freund Mussolinis, Francos, Hitlers, noch 1930 jede Art von Empfängnisverhütung, auch bei schlimmster ökonomischer Lage der Ehegatten, als „naturwidrig, schimpflich und unsittlich“ bezeichnet? Auch ohne Kontrollmöglichkeit erscheint mir Deschners Buch unangreifbar.

Die Tatsache, daß in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung die sich festigende Kirche den Trieb- und Lustbann verkündete und vermittels dieses psychischen Terrors ihre Macht stabilisierte, daß sie die Gläubigen im buchstäblichen Sinne wahnsinnig machte, auf daß sie ihre Hörigkeit in Wonne hinnähmen – es kann vernünftigerweise nicht angezweifelt werden. Inzwischen ist es dahin gekommen, daß fortschrittliche Katholiken dies anerkennen. Nur freilich: Das leere, achselzuckende Bedauern gerade dieser progressiven Katholiken, die sich und uns einreden, zwei Jahrtausende verlorener Geschichte seien nichts als ein Betriebsunfall auf dem Heilswege, ist für den Verfasser noch ärgerlicher als die verstockte Traditionsfestigkeit der Integristen, für die alles, was die katholische Kirche geschichtlich, politisch, sittlich je veranstaltete, unantastbar bleibt; die sind wenigstens konsequent, während die verspäteten Anpasser an die durch sie nicht kontrollierbaren Läufte im günstigsten Falle als wohlmeinende Drückeberger erscheinen.