Von Hans Maier

Mehr Bildung und bessere Bildung für mehr Menschen – das war die Parole deutscher Bildungspolitik in den sechziger Jahren. Sie war verständlich angesichts des pädagogischen Nachholbedarfs der Nachkriegszeit. Und sie wir erfolgreich wie kaum eine andere kulturpolitische Forderung – in allen Ländern, in allen Parteien.

Der Ausbau des allgemeinbildenden Schulwesens kam in raschem Tempo in Gang und in seinem Gefolge der Ausbau der Hochschulen. Abiturienten- und Studentenzahlen stiegen von 1965 bis heute in einem in der deutschen Bildungsgeschichte ungekannten Maß. Nie zuvor sind in so kurzer Zeit so viele neue Schulen und Hochschulen errichtet worden. Mißt man die deutsche Bildungspolitik an ihren materiellen Leistungen, an der Zunahme der Baustellen und Planstellen, an der Steigerung der Bildungshaushalte in Bund und Ländern, so kann sich dieses Jahrzehnt getrost mit den zukunftsfrohen Zeiten des Humanismus und Neuhumanismus vergleichen.

Es fehlte denn auch nicht an euphorischer Stimmung. Der Bildungsbericht 70 der Bundesregierung verstreute – nur kurz ist’s her – risikofreudig Utopien übers Land. Fünfzig Prozent der Bevölkerung sollten künftig das Abitur erwerben, die Hälfte davon in den Gesamthochschulbereich eintreten. Bildung stand an der Spitze der „inneren Reformen“, und manch einer war versucht, in Enthusiasmus auszubrechen wie weiland Hutten: O saeculum, o litterae – es ist eine Lust zu leben!

Doch bald verbreitete sich Mißbehagen. Schneller als erwartet stieß die Bildungsexpansion an ihre finanziellen und organisatorischen Grenzen. Da der Hochschulbereich nicht im Tempo der Sekundärschulen wuchs (er wächst nirgends auf der Welt in diesem Tempo), stand ein Teil der Abiturienten vor verschlossenen Hochschultoren. Plötzlich war die Öffentlichkeit erfüllt von Ängsten und Fragen über einen außer Kontrolle geratenen Bildungsboom. Man klagte über den Niveauverlust der Bildungseinrichtungen und über die Erosion des Leistungsprinzips.

Vor allem aber entdeckte man ein gewichtiges Defizit der vielgerühmten Bildungsexpansion: das Wachstum des berufsbildenden Schulwesens war weit hinter dem des allgemeinbildenden Schulwesens zurückgeblieben. Mehr noch: der stürmische Ausbau der weiterführenden allgemeinbildenden Schulen und der Hochschulen hatte, dem Ausbau und der Verbesserung der beruflichen Bildung offensichtlich Grenzen gesetzt und Mittel entzogen. Bildung und Beruf waren nur unzureichend aufeinander bezogen worden. Im Zug des Ausbaus allgemeinbildender Einrichtungen hatten sie sich weiter voneinander wegbewegt.

Offenbar lag der Bildungsexpansion ein Begriff allgemeiner Bildung zugrunde, der den Blick auf die praktische und soziale Dimension der Bildung verstellte; kein Wunder, daß man den Zusammenhang von Beruf und Bildung immer mehr aus dem Auge verlor.