Von Dietrich Stroihmann

Für die einen war es ein Bruderkuß, für die anderen ein Todeskuß: Als sich Anfang März in Algier Irans Schah und Iraks Vizepräsident umarmten und damit einen alten Zwist begruben, war das Ende des Freiheitskampfes der Kurden besiegelt. Dafür, daß der Iran vom Irak die Hälfte des Schatt-el-Arab erhält, des Zusammenflusses von Euphrat und Tigris am Persischen Golf, stellte der Schah seine Waffenlieferungen an die Kurdenkrieger ein und ließ seine Grenze am 1. April für kurdische Flüchtlinge schließen.

Die Versöhnung der einen war ein Verrat an den anderen. Zusammen mit seinen beiden Söhnen Idris und Mesut mußte der 72jährige General Mulla Mustafa Barzani in den Iran entweichen, streckten die meisten seiner Krieger die Waffen, suchten Zehntausende in Flüchtlingslagern hinter der iranischen Grenze Rettung vor den anrückenden irakischen Truppen. Der Traum von einem autonomen Kurdistan ging jäh zu Ende, der Kampf der 20 000 kurdischen Peshmergas (der Todeskämpfer) gegen rund 90 000 irakische Soldaten war endgültig verloren. An der Realpolitik der Mächtigeren waren sie gescheitert.

Es war ein alter Traum gewesen und ein langer Kampf – der Traum von einem Bundesland Kurdistan innerhalb des Irak (mit eigener Verwaltung, den Ölquellen von Kirkuk und Mossul, einem gerechten Anteil am Staatshaushalt und an Staatsposten), wie der Kampf um diesen autonomen Status gegen das Regime in Bagdad, das den Kurden nicht alle Wünsche erfüllen mochte. Vor 40 Jahren schon, damals gegen die Engländer und deren Statthalter im Irak, wollte Barzani seinen Willen durchsetzen, wurde er eingefangen und zu Zwangsarbeit verurteilt. Vor 14 Jahren begann er dann seine, nur durch gelegentliche Waffenpausen unterbrochene Rebellion wider die Baathisten von Bagdad. Nun hat der „Löwe der Berge“, wie Barzani genannt wurde, aufgegeben. Der Aufstand vom März 1974 war seine letzte Jagd gewesen. Es heißt, er wolle sich in den Vereinigten Staaten zur Ruhe setzen.

„Kurdistan wird ein See von Blut, in dem der Feind ertrinkt“, hatte Mustafa Barzani zu Beginn der Kämpfe im vergangenen Jahr drohend versichert. Nach dem Todesurteil, das in Algier über ihn gesprochen wurde, mußte er, verloren und verlassen von seinem letzten Verbündeten, zugeben: „Der Kampf ist vorüber. Jetzt kommen dunkle Tage über uns.“

Am Ende seiner Tage hatte sich der einst ruhmreiche Rebell verrechnet: Von dem Helden blieb nur noch die Legende übrig und das Leid – die Legende dieses scheinbar unverwüstlichen Kriegers, der sich immer wieder einer Übermacht in zorniger Wut entgegenwarf, zwar kleine Siege errang, doch nie den strahlenden und endgültigen Erfolg; und das Leid derer, die nun in Flüchtlingslagern ein ungewisses Schicksal erwartet oder die im eigenen, ungeliebten Land die Knute ihrer triumphierenden Herrscher zu spüren bekommen werden. War das die Kriege, die Opfer wert?

Mulla Mustafa Barzani war ein Kämpfer von Kindesbeinen an; ein Politiker aber, der seine Macht kühl einschätzt und die Möglichkeiten seines Feindes, ist er nie gewesen. Ein Traum jagte ihn, die Wirklichkeit scherte ihn nicht. Als er fünf Jahre alt war, kam er bereits hinter Gefängnisgitter; zusammen mit seiner Mutter hatten ihn die Türken eingesperrt. Nachdem ihn später die Briten verhaftet und verurteilt hatten, zwei Aufstände unter seiner Führung gescheitert waren und die Perser 1946 die erste und einzige kurdische Republik liquidierten, setzte er sich auf einen „langen Marsch“ in die Sowjetunion ab. Damals durfte er auf Moskau bauen, wo er fast neun Jahre lang Geschichte, Politik, Geographie und Wirtschaftswissenschaft studierte. Mit den Sowjets in der Hinterhand, denen sein rebellischer Geist zu jener Zeit von Nutzen war, kehrte er 1958 in den Irak zurück, wo General Kassem gerade die Monarchie gestürzt hatte.