Die Gefahr eines neuen Konflikts kann nur gemeinsam mit den Russen eingedämmt werden

Von George W. Ball

Die Verhandlungsspur, die Henry Kissinger durch den Nahen Osten gelegt hat, endet vorläufig in einer Sackgasse. Wenn das Patt fortdauert, wird es fast mit Gewißheit binnen neun Monaten einen neuen arabisch-israelischen Krieg geben. Da aber ein neuer Krieg gefährlicher wäre als sämtliche vorangegangenen Nahostkonflikte, kommt alles darauf an, rasch einen frischen Ansatz zum Handeln zu finden.

Als die Vereinigten Staaten es nach dem Oktoberkrieg von 1973 auf sich nahmen, eine Regelung zwischen Arabern und Israelis zuwegezubringen, gab es zwei verschiedene Prämissen, auf die sie ihre Strategie gründen konnten. Prämisse Nr. 1: Die Sowjetunion wünscht die Fortdauer der Unruhe im Nahen Osten, solange daraus, keine direkte amerikanisch-sowjetische Konfrontation zu erwachsen drohe. Prämisse Nr. 2: Die Sowjetunion hält die Entspannung für so wichtig und die Gefahr eines Zusammenstoßes mit den Vereinigten Staaten für so groß, daß sie einen stabilisierten Nahen Osten bevorzugen würde – vorausgesetzt, daß sie bei der Stabilisierung eine ebenbürtige Rolle spielen könne.

Wenn wir die erste Prämisse für richtig hielten, dann stand mit Sicherheit zu erwarten, daß die Sowjets jede Bemühung um eine Regelung zu sabotieren versuchten; in diesem Falle mußte Amerika trachten, den sowjetischen Einfluß zu begrenzen und den Kreml allen Ausgleichsgesprächen fernzuhalten. Aber wenn wir glaubten, daß die Sowjets Stabilität im Orient vorzögen, solange sie nur einen achtbaren Anteil an deren Schaffung eingeräumt erhielten, dann hätten wir uns prompt ihrer Hilfe versichern müssen.

In Wahrheit entschieden wir uns für das Herkömmliche. Obwohl Henry Kissinger seiner Überzeugung Ausdruck gab, daß die Sowjets keine Obstruktion treiben würden, wenn sie an der Ausgleichsdiplomatie teilhaben dürften, gründete er seine Taktik genau auf die entgegengesetzte Annahme. Mit seiner „Pendeldiplomatie“ schloß er die Russen ganz bewußt aus. Dem sowjetischen Außenminister Gromyko blieb nur die demütigende Aushilfe, jedesmal in Damaskus Visite zu machen, wenn Kissinger die Stadt verlassen hatte. Im übrigen spielte der US-Außenminister allein die Rolle des Vermittlers, Zwischenträgers und Oberaufsehers, als sich erst Ägypten und dann auch Syrien auf eine erste Phase bilateraler Verhandlungen mit Israel einließen.

Kissingers Alleingänge