Vietnams lautloser, trostloser Untergang

Von Theo Sommer

Von Heldentaten ist aus Vietnam nichts zu berichten, nur vom unsäglichen Leid unzähliger Menschen. Thermopylae? Untergang der Goten am Vesuv? Aufrecht sterben? Nein: kampflose Räumung, kopflose Flucht einer demoralisierten Armee waren an der Tagesordnung; selbst die Eliteeinheiten zeichneten sich nur noch durch brutale Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung aus. Chaos in Hué, Panik im Hafen von Da Nang, Szenen fast kannibalischer Grausamkeit auf Da Nangs Flugfeld – daran wird sich die Welt erinnern, nicht an ruhmreiche Schlachten.

Selten ist ein Land so lautlos zusammengebrochen, hat sich seine Kampfkraft, seine Disziplin, seine Moral so schnell, so spurlos verflüchtigt. Wieso, warum? Die Welt ist aufs Rätseln angewiesen. Selbst die Nordvietnamesen und der Vietcong, die Anfang März im Zentralen Hochland bloß zu einer begrenzten Offensive angesetzt hatten, sind verblüfft.

Jetzt soll ein Volkssturm-Aufgebot die Hauptstadt Saigon verteidigen und das Mekong-Delta. Wer wagte noch daran zu. glauben? Die Erosion des südvietnamesischen Verteidigungswillens, der moralische Kollaps der Armee, die stumpfe Verzweiflung der Bevölkerung lassen nationale Kraftanstrengungen nicht mehr erwarten. Das Ende könnte schneller kommen, als irgendjemand heute denkt – das Ende auch der amerikanischen Illusion, Südvietnam werde sich ohne amerikanische Truppen sehr lange halten können.

Die Geschichte gefällt sich in absonderlichen Zufälligkeiten. Als Da Nang fiel, waren fast auf den Tag genau zehn Jahre vergangen, seit die ersten Kampftruppen am Strand von Nam O, fünf Kilometer von Da Nang entfernt, an Land gegangen waren, freudig begrüßt von zehn Vietnamesinnen mit Blumen: 3500 Marineinfanteristen, die den Luftwaffenstützpunkt Da Nang verteidigen sollten. Von dort, so hatte Präsident Johnson angeordnet, sollte ein Bombenfeldzug gegen Nordvietnam geführt werden – zur Vergeltung für mehrere Überfälle auf amerikanische Berater-Camps.

Es hat damals viele gegeben, die diese Anordnung Johnsons für richtig hielten; auch die Landung weiterer US-Truppen im Juni. Aggression durfte nicht ungestraft bleiben, das war zu jener Zeit im Westen die konventionelle Weisheit; nach der Eindämmung des Sowjetkommunismus in Europa stehe nun die Eindämmung des Pekinger Kommunismus in Asien auf dem Programm. Wenn die Amerikaner sich nicht für Saigon schlügen, wer dürfe dann darauf bauen, daß sie sich notfalls für Berlin in die Bresche schlügen? Das amerikanische Eingreifen nahm sich in diesem Lichte keineswegs als imperialistisches Manöver aus, sondern als liberale Intervention, die Südvietnam die Zukunftschance einer pluralistischen Demokratie verbürgen sollte.