Von Wolf Donner

Er galt und gilt noch als der bunteste, liberalste, ideenreichste und in vieler Hinsicht offenste Sender des Ersten Programms (ARD): Der Westdeutsche Rundfunk in Köln (WDR) ist eine der letzten Bastionen dessen, was die CDU/CSU seit Jahren erbittert bekämpft. Denn die Medienpolitik der Christdemokraten heißt durchforsten, gleichschalten, das Meinungsspektrum nivellieren, die Hierarchie systematisch einschwärzen, Journalisten an die Kandare einer lähmenden Ausgewogenheit legen; statt pointierter Meinung und mutiger Auseinandersetzung die öde, offiziöse Langeweile durchsetzen, die eine vollautomatische Proporzmaschine auszuspucken hat.

Im Bayerischen Rundfunk, im Saarländischen Rundfunk, im ZDF ist das zum Teil schon gelungen, in vielen politischen Sendungen anderer Anstalten auch. Trotzdem entzog sich aber der WDR bisher dem rigorosen schwarzen Zugriff, und auf der legalen Ebene wird das so bleiben, weil erst 1979 Rundfunk- und Verwaltungsrat neu gewählt werden; zur Zeit haben dort SPD beziehungsweise FDP eine Stimme mehr, ist also das Pattspiel ausgeschlossen, das die CDU im Verwaltungsrat des Norddeutschen Rundfunks (NDR) betreiben kann. Die derzeitige Kampagne gegen den WDR bedient sich infolgedessen einer anderen Taktik: Diffamierungen, Verleumdungen, Drohungen, Anschuldigungen, fast immer unbewiesen und unbeweisbar, „frech einzig nach dem Motto ‚Es bleibt immer was hängen‘“ (die katholische „Funk-Korrespondenz“).

Was dem NDR sein Jürgen Echternach, ist dem WDR Heinrich Windelen: stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Vorsitzender der CDU in Westfalen, Mitglied im WDR-Verwaltungsrat; ein Politiker, der noch immer gern die ehemaligen deutschen Ostgebiete auf der Wetterkarte der „Tagesschau“ schraffiert sähe, der soeben die Todesstrafe für Politikerentführer und -mörder befürwortet hat. Windelen eröffnete den Reigen am 22. Februar mit einer Drohung, die bereits das ganze Dilemma unseres Staats- und Parteienrundfunks erhellte: „Nach den Landtagswahlen muß sich auch beim WDR etwas ändern.“ Man wolle sich diesen „Rotfunk“ nicht länger gefallen lassen.

Nach dem geharnischten Protest aus SPD-Kreisen (Heinz Kühn: „unqualifizierte demagogische Pression“) sowie von WDR-Sprechern und -Redakteuren wurde Windelen noch präziser: „Dies ist eines unserer Wahlkampfziele, nämlich beim WDR für politische Ausgewogenheit auch bei Personalentscheidungen zu sorgen“; viele WDR-Mitarbeiter seien „linkslastig bis an die Grenze der Verfassungsmäßigkeit“.

Der Mann sieht rot, war aber bisher nicht in der Lage, seine Polemiken konkret zu belegen; er verharmlost seine eigenen Äußerungen, beschuldigt Zeitungen und die Deutsche Presse-Agentur (dpa) der Falschmeldung, gibt aber anschließend seine Manipulation mit dem eigenen Redetext zu; er betreibt bedenkenlose Wahlkampfpolitik mit dem Sender, in dessen höchstem Aufsichtsgremium er sitzt, und gibt sogar offen zu, seinen Zorn habe die Neubesetzung eines CDU-Abgangs im WDR mit einem parteilosen Fachmann ausgelöst: lauter Gründe, Heinrich Windelen sofort seines Amtes im WDR-Verwaltungsrat zu entheben. Das WDR-Gesetz ist in diesem Fall ganz klar (§ 12 Absatz 5, § 13 Absatz 2), aber wer fragt schon nach Gesetzen: Die Rechtsaufsicht unserer Rundfunkanstalten ist längst nur noch ein Schmarren. Der Verwaltungsrat beschäftigte sich am 3. März zwar mit Windelens Angriffen, aber ein Sprecher erklärte die Sache für erledigt. Kein Wunder: die Kollegen Lenz, Grundmann, Kühn, Rau, Hammer und Weyer stecken genauso im Wahlkampf wie Windelen, und im Wahlkampf ist eben ein landespolitischer Prominentenclub wie der WDR-Verwaltungsrat funktionsunfähig.

Die Kampagne gegen den Sender lief inzwischen ungehindert weiter: Der CDU-Spitzenkandidat Heinrich Köppler wiederholte Windelens Pauschal-Diffamierungen und fügte gleich noch hinzu, die CDU werde eine Wiederwahl des Intendanten Klaus von Bismarck verhindern. Der CDU-Abgeordnete Ferdi Breidbach nutzte die Chance, die Verketzerung „des SPD-Monopolsenders Westdeutscher Rotfunk“ zu verknüpfen mit einem Plädoyer für den von der CDU seit langem geforderten privaten Rundfunk. Und Franz Josef Strauß, noch allgemeiner, nannte die dpa einen „Wahlkampfhelfer für SPD/FDP“.