Es gibt keine nullenreiche Jubiläumszahl, nicht einmal eine kleine runde, die die Aufmerksamkeit auf die Schweizer Zeitschrift „Archithese“ zöge, sondern nur eine Art von plötzlichem Erstaunen, ausgelöst durch eine schiefe Zahl: Gerade ist Heft 13 erschienen, mit dem hochaktuellen Thema „Las Vegas etc. oder: Realismus in der Architektur“ oder einfacher: die unüblichen Ansichten des amerikanischen Architektenpaares Robert Venturi und Denise Scott Brown. Der Schweizer Verleger Arthur Niggli, der es anfangs noch als Vorzug eines Zweijahresvertrages empfunden hatte, wenigstens berechnen zu können, „wie das Defizit aussehen würde, wenn alles schiefginge“, bekannte nun am Telephon: „Seit Nummer 12 sind wir aus den roten Zahlen raus.“ Die Architektur-Zeitschrift hat jetzt um eintausend Abonnenten und anderthalbtausend Leser, die das Blatt – gewöhnlich in Fachbuchhandlungen – für neun oder zehn Mark kaufen. Und man hört die Lust heraus, mit der der Verleger mitteilt, die Zeitschrift werde inzwischen von so gut wie allen Hochschulen gehalten. Das ist ein kleiner, aber bemerkenswerter Erfolg, und er ist vermutlich nur mit der Eigentümlichkeit der „Archithese“ zu erklären: einer Zeitschrift, die eigentlich keine ist; ihre Inhalte, wiewohl aktuell, verbrauchen sich nicht so schnell.

Klein war das Risiko trotz allem nicht. „Architekten, wenn sie zeichnen, lesen wenig“, schrieb die Architektin Martina Schneider an den Anfang ihres scheinbar kurzweiligen „Textbuches für Architekten und andere Leute“, einer Anthologie über Ästhetik, Gestalt und Konstruktion. Und wer die so überaus ordentlich geschichteten Zeitschriftenstapel in ihren sonst gar nicht immer so aufgeräumten Büros im Auge hat, die jeweils letzte Nummer stets obenauf, könnte sogar Zweifel daran haben, daß sie lesen, wenn sie nicht zeichnen. Fachzeitschriften-Abonnenten ähneln wenigstens in einer Beziehung Kirchensteuer-Zahlern: es ist schwer, zu kündigen – und um jede neue Verpflichtung wird ein Bogen gemacht.

Insofern klingt die Bemerkung Arthur Nigglis, er habe sich dagegen gesträubt, nur eine neue Fachzeitschrift zu machen, plausibel. Und insofern ist seine Alternative interessant, die seine Zeitschrift darstellt: nämlich keine zu sein. Der Vorsatz ist sogar Bestandteil des Impressums; „Archithese ist eine Zeitschrift in Form einer Schriftenreihe“.

„Archithese“ hatte es vorher schon kurze Zeit gegeben: als Vereinsblatt des „Verbandes freierwerbender Schweizer Architekten“, nach der französischen Version „Föderation suisse des architects indépendants“ abgekürzt „FSAI“. Das Blatt war pleite und suchte einen Sanierenden und fand den Architekturbuch-Verleger Niggli. „Ich wollte“, schrieb er im 10. Heft, „weg von den schönen Bilderbüchern, die in Monographien meist Architektur isoliert behandelten und damit etwas vorgaben, das in Wirklichkeit gar nicht so existierte. Was ich zu allerletzt suchte,war eine Zeitschrift, denn dazu braucht es viel mehr als nur gute Absichten und Pläne, vor allem andern eine eigene Druckerei und Kapital.“ Er stellte zwei Bedingungen, deren erste schon vorher praktiziert worden war: nämlich eine von den Herausgebern – dem Verlag und dem FSAI, der seine Verbandsnachrichten selber verantwortet – unabhängige Redaktion, zweitens thematische Hefte, „weil dies der Zeitschrift den Charakter einer Schriftenreihe“ gebe.

Diese eigenartige Doppelrolle von Zeitschrift und Monographie gibt dem Vierteljahresblatt wahrscheinlich seinen Hauptreiz, diese sonst nirgendwo so rasch und so fesselnd mögliche Mixtur aus Aktualität und Gründlichkeit. Das setzt einen Redakteur voraus, der für beides eine Ader hat. Es ist Stanislaus von Moos, ein hellwacher Kunst- und Architekturhistoriker; er hat zur Zeit einen Lehrauftrag an der Harvard-Universität.

Interessant sind eigentlich nicht allein die Themen selber, die er aufgelesen, sondern die Variationen, denen er sie unterworfen hat. „Historismus“ zum Beispiel siedelte er nicht bloß im 19. Jahrhundert an, sondern ließ die viel frischeren Spuren auch in der deutschen Nachkriegsarchitektur suchen – ein Unternehmen, das in größerem Zusammenhang einmal Nikolaus Pevsner vorexerziert hat. In diesem wie in anderen Heften gaben Moos’ Themen aber auch Gelegenheit, normalerweise bewußtlos gebrauchten Schlagworten auf den Grund zu gehen, dem „Organischen Ganzen“ etwa (im Historismus-Heft) oder, unter dem Rubrum von Zweck und Form, dem „Mythos der konstruktiven Ehrlichkeit“. Andere Themen, die „auf der Straße liegen“ und hier überraschend facettenreich untersucht und dargestellt wurden, waren die (Architektur-)Hochschulpolitik, Sozialistische Architektur (mit einigen beachtenswerten „Thesen“ von Konrad Farner), die Anfänge des sozialen Wohnungsbaus, Denkmalpflege, Architektur ohne Architekten, Architekturkritik, das Kollektivwohnhaus.

Zu den besten Heften gehört das über Zürich, wohl weil das Sujet den Schreibern zu Füßen lag und explosiver Zorn nicht bloß erlaubt, sondern erwünscht war – es erinnerte lebhaft an die alten Protestschriften von Lucius Burckhardt, Markus Kutter und Max Frisch über Schweizer Stadtplanung, und immer wieder ist man an ein früher bei Niggli herausgekommenes Buch erinnert, das manchmal wie ein Modell, wenigstens wie eine Anregung für „Archithese“ wirkt, nämlich Burckhardts und Förderers Überlegungen, daß „Bauen ein Prozeß“ sei.