Sollte es stimmen, daß die Bundesrepublik eine beachtliche wirtschaftliche Macht in aller Welt darstellt, dann müßte damit eine wachsende außenpolitische Aufklärung verbunden sein. Von der zur Weltgesellschaft zusammenwachsenden Menschheit ist sie, rechnet man nur ihre ökonomischen Beziehungen, etwa zu einem Drittel abhängig (was natürlich bedeutet, daß diese auch von ihr ein wenig abhängig ist). Ein Verlust dieser Interdependenz würde den Abschied vom liebgewordenen Lebensstandard bedeuten. Würde sich in dieser Situation die Bundesrepublik etwa nur in der Rolle eines „Zahlmeisters“ wiedererkennen, hieße dies, den Aufgaben in der entstehenden „one world“ ohne außenpolitische Imagination und langfristigere Absicherung zu begegnen.

Zur außenpolitischen Aufklärung gehört ein besseres Verständnis der Dritten Welt und des Wesens ihrer Beziehungen zu den entwickelten Industrieländern. In den unterschätzten und unterdotierten Bereichen der Entwicklungshilfepolitik und der Entwicklungsländerforschung wurde immer wieder versucht, die Informationsbasis, das politische Engagement und das praktische wie theoretische Instrumentarium zu verbreitern und zu vertiefen. Wie in anderen Bereichen der Wissenschaft und Politik ist aber auch hier Gedrucktes bald überholt. Auf einem eleganten Mittelweg hält sich ein neues Unternehmen, ein vierbindiges Handbuch, dessen erster Band nun vorliegt:

Dieter Nohlen und Franz Nuscheler (Hrsg.): „Handbuch der Dritten Welt. Band I. Theorien und Indikatoren von Unterentwicklung und Entwicklung“; Hoffmann und Campe, Hamburg 1974, 32,– DM.

Folgen sollen bis 1976 drei Kontinentalbände (Lateinamerika, Afrika, Asien), die eine strukturelle Darstellung, an Hand zahlreicher Indikatoren, aller Länder enthalten. Dieser erste Band geht, nach den Intentionen der Herausgeber, nicht auf die Suche nach der „großen Theorie“. Er bringt dafür Elemente rivalisierender Theorien und beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie Unterentwicklung und Entwicklung auf Grund meßbarer und vergleichbarer Indikatoren in der sozioökonomischen Wirklichkeit aussehen und sich verändern.

Zwei Beiträge Nuschelers führen durch den Theoriendschungel und zeigen die Schwerpunkte der gegenwärtigen Diskussion: die Überwindungsversuche des angelsächsischen Modernisiesierungsparadigmas und die Etablierungsversuche der Abhängigkeits- oder „dependencia“-Theorien, vorwiegend aus lateinamerikanischem Raum. Der deutsche Beitrag zur Diskussion besteht aus dem Text über „strukturelle Heterogenität“ eines etwas phantomartigen „Hamburger Autorenkollektivs“, einem terminologisch verkapselten Aufsatz von Hartmut Elsenhans und einem methodologischen Beitrag zur Indikatorenproblematik, vorwiegend in sozialistischen Ländern, von Klaus von Beyme. Das Ausland ist durch wichtige Autoren wie etwa Johan Galtung und Dudley Seers vertreten.

Fundamentale Texte multinationaler Organisationen zur Entwicklungsproblematik, in denen sich jeweils die kleinsten gemeinsamen Nenner ausdrücken, ergänzen die akademischen Produkte. Es handelt sich vorwiegend um möglichst aktuelle und für die Entwicklungspolitik in den siebziger Jahren gültige Richtlinien.

Schließlich bietet der Band sieben Tabellen oder Indikatoren-Listen, darunter drei des UNRISD (UN-Research Institute for Social Development), eine der CEPAL UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika) und eine weitere, von den Herausgebern zusammengestellte Liste, in der, deutlicher und besser als in den anderen, auf die Faktoren der wirtschaftlichen und sozialen Abhängigkeit von den Industrieländern und ihre Bedeutung für die nationale Entwicklung eingegangen wird. Diese mehrere hundert Indikatoren sind ein Wörterbuch der Entwicklung, aber es fehlt noch die Grammatik.

Normalerweise steht hinter einer Grammatik der kulturelle Konsens einer Gesellschaft. Hinter dem Wörterbuch der sozioökonomischen Entwicklung steht heute eine noch immer zersplitterte scientific Community. Sicherlich ist dieses Handbuch, vor allem die Konzeption der drei Folgebände, ein Beitrag dazu, konkrete Materialien für eine solche Grammatik zusammenzubringen. Dann wird auch in der außenpolitischen Aufklärung eine bessere Kommunikation möglich sein. Germán Kratochwil