Von Hans Krieger

Im Jahr 1939: Ilse Ollendorff, eine vor Hitler in die USA geflohene junge Deutsche, lernt in New York einen trotz seiner erst zweiundvierzig Jahre bereits weißhaarigen Forscher kennen und ist „beinahe ein bißchen überwältigt“ von der imposanten Erscheinung; zwei Monate später ist sie seine Frau. Der Mann heißt Wilhelm Reich und hat ein bewegtes Leben hinter sich. Er ist einer der brillantesten Schüler Sigmund Freuds gewesen und aus der Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen worden, weil er mit der Libidotheorie auch praktisch Ernst machte; er hat am Kampf der Arbeiterklasse teilgenommen und ist aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden; er ist vor den Faschisten nach Skandinavien geflohen und dort durch eine Hetzkampagne der Presse vertrieben worden. Als Forscher hat er die Grenzen der Psychologie erst zur Soziologie und Politik und dann zur Biologie und Biophysik überschritten; er hat eine streng energetische Theorie der Neurosen-Entstehung entwickelt, die jede Art seelischer Erkrankung auf eine Stauung der sexuellen Energie, also mangelnde orgastische Befriedigung zurückführt; er hat die sozialen Ursachen der „Sexualunordnung“ wie ihre physiologischen Konsequenzen erforscht und daraus ein neues therapeutisches Konzept abgeleitet („Vegetotherapie“), und vor kurzem hat er in ausgedehnten Laborversuchen die Lebensenergie entdeckt, die er „Orgonenergie“ nennt. Damit steht er nun vor völlig neuen Horizonten. Bald wird er Akkumulatoren konstruieren, mit denen die „allgegenwärtige“ Orgonenergie konzentriert und medizinisch nutzbar gemacht werden kann, er wird sich auf das Gebiet der Krebsforschung vorwagen, Versuche zur Wetterbeeinflussung machen, über die Entstehung des Weltalls spekulieren und gegen Raumschiffe kämpfen. Ahnt die junge Frau, worauf sie sich eingelassen hat?

1954: Ilse Ollendorff verläßt Wilhelm Reich, dessen Arbeit sie immer weniger zu folgen vermag, von dessen übermächtiger Persönlichkeit sie sich erdrückt fühlt. Das ist kurz vor dem Höhepunkt des aufwendigen Verfahrens, das die „Food and Drug Administration“ gegen Wilhelm Reich angestrengt hat: Bald darauf wird er wegen Mißachtung des Gerichtes verurteilt, seine Forschungseinrichtungen werden zerstört, seine Bücher verbrannt, 1957 stirbt er im Gefängnis.

1969: Ilse Ollendorff bringt ein Buch heraus, mit dem sie klar gemacht zu haben hofft, warum es für sie „wirklich eine Frage von Leben und Tod“ gewesen ist, Reich zu verlassen.

So also sind wir zu der ersten und bisher einzigen Biographie des Mannes gekommen, den einige wenige für den Begründer eines neuen wissenschaftlichen Zeitalters und viele für einen genialen Spinner halten. Denn als eine Biographie will das Werk wohl gelten, auch wenn die Autorin beteuert, daß ihre Sicht notwendig subjektiv bleibe; immerhin hat sie den Versuch gemacht, die eigene Erfahrung durch die Aussagen anderer zu einem Lebensbild zu runden. Das bereits in viele Sprachen übersetzte Buch, seltsam gemischt aus Bewunderung und Verständnislosigkeit, selbsterlebten oder recherchierten Fakten und anklagender Selbstrechtfertigung, liegt jetzt auch auf deutsch vor –

Ilse Ollendorff Reich: „Wilhelm Reich – Das Leben des großen Psychoanalytikers und Forschers, aufgezeichnet von seiner Frau und Mitarbeiterin“; Kindler Verlag, München, 1975; 215 S., 26,– DM.

Es gibt sicher ehrenwerte Gründe dafür, sich selbst und der Welt Rechenschaft darüber abzulegen, warum man es an der Seite eines bedeutenden Mannes nicht mehr ausgehalten hat. Daß Ilse Ollendorff sich von ihren Gewährsleuten mit Vorliebe erzählen ließ, was ihre eigenen bitteren Erfahrungen bestätigte, ist zumindest menschlich verständlich, und daß sie von Reichs wissenschaftlichen Arbeit wenig begriffen hat, wird man ihr kaum zum Vorwurf machen dürfen. Aber ideale Voraussetzungen für eine Biographie sind das natürlich nicht.