Von Gabriele Venzky

Bevölkerungspolitik ist bisher ein fünftes Rad am Wagen der Entwicklungspolitik gewesen", stellt Heinrich von Loesch in der neuesten deutschsprachigen Publikation zum Thema Übervölkerung fest. Und: "Wenn man so will, besitzt die Welt heute nur ein einziges, allumfassendes Problem: Bevölkerungswachstum."

In der Tat: Jeden Tag wächst die Erdbevölkerung um eine Viertelmillion Menschen. Bis zum Jahr 1800 dauerte es, ehe die Menschheit eine Milliarde zählte. Heute sind es etwas über vier Milliarden, und nur zehn Jahre später werden es fünf Milliarden sein. Bis zum Jahre 2007 wird sich die Erdbevölkerung verdoppelt haben – auf acht Milliarden. Sind das modische Zahlenspielereien, wie das vorliegende Buch behauptet? Gewiß nicht. Es sind bittere Tatsachen.

Heinrich von Loesch: "Stehplatz für Milliarden? Das Problem der Übervölkerung"; hrsg.: Henrich von Nussbaum; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1974; 280 S., 26,– DM.

Natürlich, wie es dann weitergehen wird, das sind Hypothesen. Aber das sich im Jahre 2075 mindestens zwölf, vielleicht aber auch 30 Milliarden Menschen auf der Erde drängen werden, ist so abwegig nicht. So klingt es eher effekthascherisch und alles andere als wissenschaftlich seriös, wenn Herausgeber Henrich von Nussbaum in seinem schnoddrig-forschen Vorwort feststellt: "Die Übervölkerungshysterie, das Menetekel einer Menschheit, der am 13. Juni 2116 – einem Freitag, vermutlich – pro Person gerade noch ein Stehplatz zur Verfügung steht, wird ausgerechnet von denselben politischen und wirtschaftlichen Gruppen verbreitet, die auch den Kalten Krieg ideologisch ausgerichtet haben, ihn mit immer neuen Tatsachenenthüllungen propagandistisch anheizten und wissenschaftlich abstützten – was beides ziemlich aufs gleiche hinausläuft."

Das ist einfach dummes Zeug. Ebenso wie die Behauptung: "Unter Bombenterror denkt sich’s schlecht." Was soviel heißt wie: Alle jene, die die rapide Zunahme der Erdbevölkerung mit einer Zeitbombe verglichen (wie etwa Paul und Anne Ehrlich: "Die Bevölkerungsbombe"), ticken nicht ganz richtig, verbreiten Panik.

Es ist sicherlich richtig, daß es im Jahre 1975 noch kein Übervölkerungsproblem gibt, zumindest nicht global. Partiell gesehen jedoch existiert dieses Problem bereits, und die Kalkuttas von heute weisen den Weg für die Zukunft: Schon heute vermehren sich dort die Menschen am schnellsten, wo sie am ärmsten sind. Im Jahre 2000 wird sich die Zahl der Kalkuttas verfünf- und verzehnfacht haben.