Ein Grund für die Misere des französischen Telephonnetzes: Moderne Anlagen werden lieber exportiert.

Es hat sich bereits nach Amerika herumgesprochen: Das französische Telephonnetzes ist miserabel. Als nämlich vor einigen Jahren die Bosse multinationaler Unternehmen in den USA befragt wurden, was sie davon abhalte, ihren europäischen Hauptsitz nach Paris zu legen, da hieß das meistgenannte Hindernis: Die schlechten Fernsprechverbindungen.

Mit um so größerer Verwunderung werden die Manager jenseits des Atlantiks zur Kenntnis genommen haben, daß eine der modernsten Telephonzentralen in den USA ausgerechnet aus Frankreich importiert wurde. Diese von Computern gesteuerte Anlage im Spielerparadies Las Vegas funktioniert so gut, daß man in Paris bereits mit einer Reihe weiterer Aufträge rechnet.

Die Franzosen allerdings reiben sich angesichts der Erfolgsmeldung ihrer Telephonbauer ungläubig die Augen. Denn Las Vegas ist für sie ein Telephonparadies. Wer in der Spielhölle von Nevada einen Anschluß beantragt, wird in aller Regel innerhalb von 24 Stunden bedient. Nach drei Tagen sind lediglich neun Prozent der Anträge noch nicht erledigt.

In Paris dagegen ist eine Wartezeit von drei Jahren durchaus üblich. Dabei soll die Zahl der Telephonanschlüsse in Frankreich rasant wachsen. Heute gibt es fast sechs Millionen Fernsprechteilnehmer, bis 1985 sollen es über 20 Millionen sein. Doch nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in Lyon und Marseille ist das Netz bereits überlastet. In Lille wird diese Situation spätestens in zwei Jahren eintreten. Dabei kostet allein der Anschluß eines Telephons die Franzosen rund 600 Mark, während in der Bundesrepublik 200 Mark zu bezahlen sind.

Frankreich ist auf dem Gebiet der Fernsprechverbindungen fast ein Entwicklungsland. Auf hindert Einwohner entfallen 10,4 Anschlüsse (Bundesrepublik: 20 Anschlüsse). Damit stehen die Franzosen zusammen mit den Spaniern in Europa an letzter Stelle. Schuld an diesem Übel ist der Postminister. Er steckt die Überschüsse auf dem Telephondienst (1974: schätzungsweise drei Milliarden Mark) nicht in die Verbesserung des Fernsprechnetzes, sondern deckt damit lieber das Defizit der Postscheckämter und der Briefverteilung

Kein Wunder, daß 12 Millionen Franzosen heute auf einen Telephonanschluß warten. Diese Zahl wächst ständig weiter, obgleich die Telephonindustrie nur zu 70 Prozent ausgelastet ist. Der Minister hat für seine ungeduldigen Kunden nur einen schwachen Trost parat: Zur Zeit läßt er untersuchen, ob das schrille Läutwerk des Standardtelephons nicht durch ein sanftes Klingeln ersetzt werden kann. smi