Von Jens Friedemann

Am 7. April, wenn sich in Paris die wichtigsten Industrieländer des Westens mit Vertretern der Ölstaaten und Ländern der Dritten Welt zur großen Energiekonferenz einfinden, werden einige der Teilnehmer an eine gespenstische Szene erinnert, die sich vor 47 Jahren im schottischen Hochland zutrug. Dort trafen im Sommer 1928 im Jagdschloß von Achnacarry die Chefs der Ölkonzerne BP, Standard Oil (heute Exxon) und Royal Dutch Shell offiziell zu einem Schneehuhnschießen ein.

Tatsächlich aber schmiedeten sie ein Kartell, das ihnen Millionengewinne einbrachte sowie den Ruf, Märkte und Preise rücksichtslos zu manipulieren. Fortan mußten Verbraucher in aller Welt einen Mindestpreis für Öl zahlen, der sich aus der Notierung am Golf von Mexiko errechnete, plus der Fracht zum Verbraucher. In der Praxis führte das dazu, daß persisches Öl in Persien so teuer wurde, als sei es aus den USA importiert.

Auf der Energiekonferenz in wenigen Tagen steht ein Zweitaufguß von Achnacarry auf der Tagesordnung: Auf Vorschlag des amerikanischen Außenministers Kissinger sollen die Teilnehmer einen Mindestpreis für Öl beschließen. Jedes Mitgliedsland der Energieagentur (Frankreich ist nicht Mitglied) würde danach durch Abschöpfung oder variable Zölle dafür sorgen, daß importiertes Rohöl nicht unter einen bestimmten Preis ins Land gelangt.

Als möglicher Schwellenpreis werden sieben Dollar genannt, also etwa 3,50 Dollar unterhalb des jetzigen Durchschnittspreises für das Faß (159 Liter). Dieser Preis – so heißt es in Paris – sei notwendig, um die Sicherheit der langfristigen Energieversorgung zu gewährleisten und die Entwicklung teurer Alternativenergien nicht durch einen niedrigeren Ölpreis zu stören. Dem Schrecken des steil ansteigenden Ölpreises folgt die Angst, er könne wieder sinken. „Das erinnert fatal an verhaltensgestörte Kinder, die jeglichen Orientierungssinn verloren haben“, meint John Lichtblau von der American Petroleum Industry Research Foundation, der einen Ölpreis von drei bis vier Dollar für realistisch hält.

Ähnlich urteilt der amerikanische Senator Frank Church: „Der Kissinger-Vorschlag ist der Versuch, eine Mücke mit einer Atombombe totzuschlagen – ein wirtschaftliches Waterloo der industrialisierten Welt.“ Die totale Mißachtung der wirtschaftlichen Zusammenhänge (US-Zentralbankpräsident Arthur Burns) führt nach Meinung zahlreicher Kongreßabgeordneter „zu einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung, die sich durch eine vollständige Kartellisierung auszeichnet.“

Was die Pariser Energieagentur mit einem Mindestpreis für Öl erreichen kann, ist umstritten. Sicher ist, daß ihn die Ölkonzerne und Förderländer als einen garantierten Preis betrachten, „unter dem wohl nie mehr ein Faß Öl seinen Besitzer wechselt“, wie die kuwaitische Zeitung Ar-Rai al-Am schrieb. Noch düsterer urteilt Senator Church: „Die administrative Reglementierung führt nicht nur zu einer völligen Ausschaltung des Wettbewerbs, sondern zu einer Unterdrückung der Erschließung kompetitiver, Energiequellen.“