Sie ist eigentlich nicht so schlecht gewesen, sie konnte die vier Grundschulklassen mitmachen und sollte noch weiter mitgenommen werden. Wegen ihrer Behinderung war man so nachsichtig; sie ist spastisch gelähmt, besonders linksseitig, seit Geburt schon. Aber sie bemerkte die ständige Behütung und Schonung, die lehnte sie ab. Schon den Ton, den man ihr gegenüber immer wieder anschlug, verabscheute sie. Und die Leistungen und alle Arbeiten verglich sie mit unnachgiebiger Härte, um zu beweisen, daß sie wieder zu gut beurteilt war. Schließlich verweigerte sie jede Mitarbeit und kam auf die Sonderschule. In der Beurteilung hieß es: Leidet unter Minderwertigkeitskomplexen und reagiert häufig aggressiv; und schreibt Wörter, die keinen Sinn haben.

Wegen ihrer zerebralen Bewegungsstörung geht sie schwankend und wirft gelegentlich die Arme balancierend hoch. Vor Autos hastet sie und setzt die Füße auf den Boden, als würde sie sich dort verbrennen. Wenn sie den Mantel auszieht, hat sie Schwierigkeiten; sie hat sich das An- und Ausziehen im Sitzen angewöhnt, aber in der Schule lachen sie darüber, und sie probiert es im Stehen, sie will das, sie ist nicht davon abzubringen. Dabei stößt sie oft an den Tisch des Nachbarn oder wirft eine Vase um. Sie geht wöchentlich zum Sonderturnen, sie ist auch schon ins Schwimmlehrbecken gefallen.

Obwohl sie den Schreibstift mit den vier Fingern umfaßt und den Daumen auf die Oberkante legt, arbeitet sie überaus sauber und gewissenhaft. Sie hat sich da von einem auf den anderen Tag umgestellt. Sie genießt es, mal besser zu sein als die anderen und – ihnen zu helfen; das ist ihre größte Freude, und sie wiederholt ihre Erklärungen endlos, wenn die Klassenkameraden etwas nicht verstehen. Sie paßt im Unterricht reglos auf. Bevor sie sich dann meldet, erscheint aufgeregt ihre Zunge, und der fast steife Armwinkel rutscht über die Hefte. Nach der Pause kommt sie mal sehr viel später. Sie sagt, die Sonne habe sie geblendet, sie habe deshalb den Schuleingang nicht mehr gefunden und sich verlaufen. Ihre Hautallergie, die festgestellt wurde in der Zeit, als sie ungern und schimpfend zur Schule ging, legte sich eine Weile. Aber nun bilden sich doch wieder die Bläschen, im Gesicht erst und dann am ganzen Körper. Sie muß daran kratzen. Sie weiß, daß danach Schorf, Pickel und Eiterherde ihr Gesicht entstellen, und sie bäumt sich dagegen auf. Aber dann fährt sie doch wieder mit den Fingern übers Gesicht, und die Nägel schneidet sie deswegen schon so kurz und kaut sie auch ab.

Sie sucht nämlich Anschluß, sie tritt, nennt Necknamen und lacht die anderen mit aus. Und sie wird – wie sie’s zunächst auch will – ins Schlagen, ins Nachlaufen und ins Werfen mit einbezogen. Bis sie völlig erschöpft ist. Aber dann wird sie noch weiter gejagt. In die abgelegene Ecke, wo ihr niemand mehr hilft. Dort sieht sie, wie die Fäuste vor ihr zur Einübung in die Luft geschlagen werden; wie der Mund aufgemacht wird und auf der Zunge schon der gelbe Auswurf bereitliegt. Und sie treffen immer. Bei jeder Entfernung. Sie schreit auf. Ihr Gesicht ist getroffen.

Ihre Arme zucken ziellos. Und sie wehrt sich – mit ihrer Allergie. Im stillen Unterricht plagt sie dann wieder Juckreiz, manchmal bis zur Verzweiflung.

Zu Hause sagt sie von den Schwierigkeiten nichts. Sie fragt nur, was ein Teufel sei und daß es doch viele Teufel gebe. Und nach langem Nachdenken: warum bei ihr die Lunge im Hals sitze, denn da spüre sie die, wenn ihr die Luft ausbleibe.

Mit der Mutter verträgt sie sich oft nicht. Aber sie besteht darauf, sie zum Karnevalverein zu begleiten. Dort in der kleinen Garde, bei den Proben zum Cowboy-, Garten- oder Schautanz, fühlt sie sich wohl. Und bei den Aufführungen erklärt man ihr, sie dürfe sofort mitmachen, wenn jemand krank werde. Sie beobachtet die Garde gespannt, sie starrt reglos hinüber, und dann wirft sie auch die Beine hoch, sie versucht es, sie fällt um dabei. Sie schwärmt vom weißen Röckchen, das ihr die Mutter näht und das „Schee mini gemacht werd“. Aber sie schiebt sie zugleich von sich fort und wieder zur Kasse, wo sie Eintrittskarten verkauft. Die Mutter läßt sich schieben, denn sie ahnt, daß sich – durch Anforderung und nicht durch Schonung – die Behinderung bessert und zwar, je mehr sich die Einstellung ihrer „Kleinen“ dazu bessert; und sie läßt sie deshalb auch auf der Bühne gewähren. Für ihren 12. Geburtstag hat sie schon das Geschenk bereit, von dem sie weiß, daß es ihr unendlich viel bedeuten und deshalb auch ein wenig weiterhelfen wird. Walter Machts