ARD, 28., 30. 3., 1. 4.: „Der Stechlin“, Fernsehspiel von Meichsner/Hädrich nach Fontane

Die Fernsehbearbeiter des „Stechlin“, Meichsner und Hädrich, scheiterten in Ehren. Ihre Transposition war, alles in allem, redlich, respektvoll und solide. Sie verriet Takt und, an einigen Stellen, jene melancholische Grazie im Atmosphärischen, die, gepaart mit nüchern märkischem Witz, Fontane eigen war. Dennoch scheiterte sie. (Nicht nur wegen der Besetzung der Titelfigur: Assmann gab eher einen Theatermajor als einen preußischen Gutsherrn.)

Sie scheiterte zum ersten und vor allem, weil die Autoren offenbar nicht einsehen konnten, daß Fontanes Dialoge aus Schriftgesprächen bestehen, die Mündlichkeit vorspiegeln, aber mit echter Rede nicht das geringste zutun haben. So paradox es klingt: Ein epischer Dialog (ein Dialog aus den „Wahlverwandtschaften“ zum Beispiel) ist leichter auf den Bildschirm zu transponieren als jene scheinmündlichen Causerien der „Jenny Treibel“, der „Irrungen Wirrungen“ oder des „Stechlin“, die, verkürzt und pointiert wie sie sind (ellipsenreich und bis zur Nonchalance gedrechselt), sich im Fernsehdialog künstlich ausnehmen. Scheinmündliches, daran gibt’s nichts zu rütteln, bedarf, da das Legere gebosselt ist, der entschiedeneren Bearbeitung für den Bildschirm als der Kunstdialog, der sich gleich als solcher zu erkennen gibt. Dies zum ersten.

Zum zweiten. Die Bearbeiter scheiterten, weil sie zuviel wollten. Sie kommentierten, was Fontane bereits – besser als sie – kommentiert hat. Sie verdeutlichten das Angedeutete. Sie verwandelten Zeichnungen in Gemälde. Sie spitzten, im lehrhaften Appell an den Zuschauer, Nebensatzweisheiten zu grober Sentenz zu. Sie wollten die Fontanesche „Verbindlichkeit des Unverbindlichen“ nicht akzeptieren. Also stellten sie Disparates zusammen, gaben Nachhilfeunterricht in Geschichte und brachten Fußnoten wissen. (Wenn schon Kommentar, dann lieber ein kritischer Vergleich zwischen Fontanes emanzipierten Frauen, diesen Lessing-Geschöpfen, und dem Frauenbild, das sich zur gleichen Zeit in den Debatten um die Entwürfe zum Bürgerlichen Gesetzbuch manifestierte, als ein bißchen Lexikontratsch über die „Dame“ Stubbe.)

Die Bearbeitung scheiterte zum dritten, weil sie die Ökonomie des Kunstwerks zerstörte, die stilistische so gut wie die politische. Nichts gegen Szenenvertauschung (dergleichen kann nötig sein): aber eine Melusine im ersten Akt – das ist wie eine Helena, die schon in den Gretchen-Szenen des „Faust“ mit von der Partie ist. Und dann erst die Vernichtung der politischen Balance! Statt Pastor Lorenzen zu Fontanes alter ego zu machen, siedelten die Bearbeiter die Position des linken Rebellen im Umkreis der Barbys an. Hier wurden mit Hilfe eines steifleinenen Dialogs Fontanes berühmte, einem Briefe entnommene Sätze über den gloriosen vierten Stand und die Arbeiter artikuliert, deren Denken und Sprechen die Verlautbarungen der alt regierenden Klassen längst überholt hätten. (Beliebige Fontane-Sätze, ohne Rücksicht auf ihre poetische Funktionalität, ihren jeweiligen politischen Stellenwert und ihre Rolle im Kontext beliebigen Personen in den Mund zu legen: Diese Methode ist – es sei denn, das Zitat würde als Zitat gekennzeichnet – in jeder Weise indiskutabel: Hier wird „Stechlin“ in einen Fontane-Reader’s-Digest verwandelt.)

Die Bearbeitung mußte scheitern, weil ein Alterswerk, in seiner Sprunghaftigkeit, seinem Assoziieren, seiner Konturlosigkeit und seinem Willen alles mit allem in Beziehung zu setzen, sich nicht ohne Zerstörung der Substanz auf den Bildschirm transponieren läßt. Eine Bearbeitung der Goetheschen „Lehrjahre“ läßt sich denken. Eine Bearbeitung der „Wanderjahre“ nicht.

Es liegt im Wesen des Alterswerks – Verwischung der Detail-Schärfe, Tendenz zur all-pervadingness, wie Pavese das nannte, Handlungen, Überwiegen der Reflexion, Verbindung verschiedener Stile (ganz Frühes wird auf höherer Ebene wieder eingebracht), es liegt im Wesen des Alterswerks, daß es, wortwörtlich, nicht übertragbar ist. Im ganzen nicht und nicht im Detail. Ein kleiner Strich – und die vom Hundertsten zum Tausendsten kommende Causerie wird zum bedeutungsvollen Traktat. Eine einzige Auslassung (zum Beispiel, jeweils an ihrem Ort, der Dialog über die Dienstbotenkammern, der die Grausamkeit der Bourgeoisie auf den Begriff bringt oder das – dem Gang in Frau Marthe Schwertleins Garten nachgebildete – Gespräch im Park von Kloster Wutz), und das Kapitel fällt. Und mit den Kapiteln der Roman.

Nein, „Der Stechlin“, ein Werk von Fontane, gelangte nicht zur Darbietung. Doch das spricht nicht gegen Meichsner und Hädrich, sondern für den alten Mann aus Berlin. Momos