DIE ZEIT

Vier Ohren, vier Füße

Gott gab dem Menschen zwei Ohren, aber nur eine Zunge, damit er doppelt soviel zuhören kann, wie er spricht“, sagt ein altes arabisches Sprichwort.

Bonner Schmiere

Wenn ihre politische Phantasie erstirbt, so fällt Bonner Parlamentariern immer noch ein Untersuchungsausschuß ein. Davon lassen sie sich selten abbringen, schon gar nicht durch schlechte Erfahrungen.

Zahlenspiele

Noch ehe der Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen richtig begonnen hat, haben die Akteure ihre psychologische Schlachtordnung wieder geändert.

Verbot ohne Strafe?

Die Entführung des Peter Lorenz hatte ein paar Wochen lang der Frage Vorrang verschafft, was ein demokratischer Rechtsstaat tun müsse, um geborenes Leben vor erpresserischem Zugriff zu retten.

Ein hoher Einsatz ging verloren

Von Heldentaten ist aus Vietnam nichts zu berichten, nur vom unsäglichen Leid unzähliger Menschen. Thermopylae? Untergang der Goten am Vesuv? Aufrecht sterben? Nein: kampflose Räumung, kopflose Flucht einer demoralisierten Armee waren an der Tagesordnung; selbst die Eliteeinheiten zeichneten sich nur noch durch brutale Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung aus.

Wer kennt den Kalifen von Bagdad?

Einheit – Freiheit – Sozialismus.“ Überall werden diese hehren Ziele der irakischen Baath-Partei plakatiert – und nirgends werden sie befolgt.

Die letzte Jagd des alten Löwen

Für die einen war es ein Bruderkuß, für die anderen ein Todeskuß: Als sich Anfang März in Algier Irans Schah und Iraks Vizepräsident umarmten und damit einen alten Zwist begruben, war das Ende des Freiheitskampfes der Kurden besiegelt.

Zeitspiegel

Parlamentarische Untersuchungsausschüsse sollen künftig die Herausgabe von Akten und die Erteilung von Aussagegenehmigungen für Beamte zwingend verlangen können.

Doppelstrategie der DDR

Die Deutschlandpolitik ist derzeit in einer zwiespältigen Phase. Zwar haben die Verhandlungen über den Ausbau der Verkehrswege nach Berlin mit einiger Aussicht auf Erfolg begonnen.

Riads heiliger Krieg

Die neue saudi-arabische Regierung ist im Amt. Aber noch immer ist unklar, welche Personen oder Gruppierungen den künftigen Kurs bestimmen werden.

Wolfgang Ebert: Deutschland, (k)ein...

Gottlob, wir haben endlich ein Problem! War es nicht schon beinahe peinlich, besonders problembewußten Ausländern gegenüber, daß wir abgesehen von Arbeitslosigkeit, Staatshaushalt, Innerer Sicherheit kein Problem hatten, das man mit verschämten Stolz vorzeigen konnte? Jetzt haben wir eins: das Problem.

Warten auf den 4. Mai

So ruhig und friedlich ist Bonn selten gewesen wie an den Ostertagen. Erschöpft und ausgelaugt retirierten die Politiker von der Bildfläche – zur Erholung und zu sporadischen Wahlkampfeinsätzen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen.

Stürzt Harold Wilson über Europa?

Seit bekannt ist, daß Harold Wilson das Europa-Referendum auf den 5. Juni vorziehen will und die Kabinetts-Dissidenten an die Kandare zu legen beginnt, mehren sich im Lager der britischen Konservativen die Stimmen, die dem Premierminister Existenzangst nachsagen.

Ein reales Inferno

Diese Entwicklung sieht auch die baden-württembergische Landesregierung. Im „Staatsanzeiger Baden-Württemberg“ Nr. 76 heißt es: „Ob dann noch Platz für den Umweltschutz ist, muß bezweifelt werden.

Wyhlshofen ist jetzt überall

Die Anhörung reproduzierte bis zur Karikatur die bereits aus Wyhl bekannten Fehler. Der Oberbürgermeister von Vilshofen, zweifellos stark motiviert durch die Aussicht auf eine Eingemeindung von Pleinting und die dann folgenden Segnungen der Gewerbesteuer, hatte alles schönstens vorbereitet: die geballten "Experten" des Bayernwerks und des Umweltministeriums, auf das Projekt bereits eingestimmt, konnten auf jede Anfrage des lokalen Publikums in ihrem Sinne antworten, mit den üblichen Auslassungen und Verdrehungen (betreffend etwa die Sicherheitsfaktoren, den radioaktiven Müll, die statistischen Fakten des Energiebedarfs).

„Das ist nicht unser Bier“

Schriev dat op!“ mahnt der Kanzler einen seiner Begleiter und überzeugt sich mit einem prüfenden Blick nach links, daß notiert wird, was seine Gesprächspartner bedrückt.

Rangeln um die Reputation

Im Stuttgarter Barockschloß, vom prunksüchtigen Herzog Karl Eugen als Klein-Versailles am Neckar konzipiert, brachten einst bayerische Prinzregenten Trinksprüche auf das „Kaiserreich als Garant der Einzelstaaten“ aus.

Übervölkerung: Es werden zu viele Menschen sein

Bevölkerungspolitik ist bisher ein fünftes Rad am Wagen der Entwicklungspolitik gewesen", stellt Heinrich von Loesch in der neuesten deutschsprachigen Publikation zum Thema Übervölkerung fest.

Entwicklungs – Wörterbuch

Sollte es stimmen, daß die Bundesrepublik eine beachtliche wirtschaftliche Macht in aller Welt darstellt, dann müßte damit eine wachsende außenpolitische Aufklärung verbunden sein.

Was getan werden muß

Die Ungelöstheit der großen politischen Menschheitsfragen läßt den einzelnen, ja auch die führenden Politiker jeder besonderen Gruppe, mit dem Erlebnis der Machtlosigkeit zurück.

Wenig Glanz, wenig Macht

Die These, auf eine einfache Formel gebracht, ist deprimierend: Das Bonner Parlament führt hinter der noch immer prachtvollen Fassade von Ansprüchen, Erwartungen und Zumutungen eine politische Kümmerexistenz.

Trainer-Karussell

Nun kommt es wieder auf Touren – das Trainerkarussell der Fußball-Bundesliga. Als sich die Entscheidungen – ob unter die ersten fünf oder ob Abstieg – noch nicht anbahnten, rotierte es nur mit halber Fahrt.

Kunterbunter Troß der Ski-Nomaden

Eines der Mammutunternehmen des modernen Sports – ähnlich Davis-Cup oder Fußball-Weltmeisterschaft– ist in diesen Tagen zu Ende gegangen.

Autoritäre Funktionäre

Helmut Schön, der Bundestrainer, hat Sorgen. Die Engländer haben auf Wembleys angeblich so geheiligtem Rasen seiner Nationalelf eine Lektion im modernen Tempofußball erteilt.

Die Gesellschaft der Unwissenden

Mehr Bildung und bessere Bildung für mehr Menschen – das war die Parole deutscher Bildungspolitik in den sechziger Jahren. Sie war verständlich angesichts des pädagogischen Nachholbedarfs der Nachkriegszeit.

Böll verliert seinen Prozeß gegen Walden: Misthaufen

Beim letzten Kongreß des Schriftstellerverbands – gerade hatte der Siemens-Konzern mit überwiegendem Erfolg gegen C. F. Delius’ Siemens-Satire prozessiert – wurde mehrfach und immer mit einer Art erbitterter Genugtuung festgestellt: Wie mächtig ist das geschriebene Wort trotz allem, wenn es die Betroffenen zwingt, vor Gericht zu ziehen.

Zeitmosaik

Peter Hamm war wohl immer das, was man gestern in der Sprache des Feuilletons gern einen „Herrn“ nannte, vorgestern einen „Kavalier alter Schule“.

Filmtips

„Rendezvous in Bray“ von André Delvaux. Im Winter 1917 fährt der luxemburgische Pianist Julien (Mathieu Carrière) in das Dorf Bray, um seinen Freund, den französischen Komponisten Jacques (Roger van Hool), zu treffen.

Sehen und selber machen

Irgendwann und irgendwie (und spät genug) hat man begonnen, auch Kinder ins Museum zu holen; entscheidend war da vermutlich das UNESCO-Seminar im Folkwang Museum in Essen (1963), bei dem neue Möglichkeiten diskutiert wurden, wie man Öffentlichkeit und Museum zusammenbringen könne, und nach dem der damalige Leiter des Museums beschloß, eine pädagogische Abteilung zu gründen (nach dem Vorbild der USA und DDR).

Ein Mann sieht rot

Er galt und gilt noch als der bunteste, liberalste, ideenreichste und in vieler Hinsicht offenste Sender des Ersten Programms (ARD): Der Westdeutsche Rundfunk in Köln (WDR) ist eine der letzten Bastionen dessen, was die CDU/CSU seit Jahren erbittert bekämpft.

Die neue Schallplatte

Bob Marley & The Wailers: „Natty Dread“. Authentische Reggae Music, wie sie Bob Marley und die Wailers spielen, ist das genaue Gegenteil der kommerzialisierten jamaikanischen Musikfolklore: ein mit archaischen Rhythmus-Akkorden instrumentierter Protest gegen die sozialen Bedingungen, unter denen das Lumpenproletariat des Touristen-Dorados Jamaika lebt.

Kunstkalender

Rolf Rose, Jahrgang 1933, fiel in der Kunstszene bisher dadurch auf, daß er nicht auffiel, daß er sich and sein Künstlerdasein niemandem aufdrängte, seine Bilder zwar gelegentlich am Rande erwähnte, sie aber kaum je vorzeigte.

Sie schlagen einen Bogen um die Gegenwart

Alle reden vom rauheren Wind, der seit zwei Jahren durch Budapests Literatencafes, Filmstudios und Soziologenzirkel fegt; doch zu spüren bekommen haben diesen Wind bisher nur wenige, und das sind die Schüler des marxistischen Literaturtheoretikers György Lukács, der sozialkritische Schriftsteller György Konrad, der Soziologe Ivan Szelényi, der „Stücklohn “-Autor Haraszti.

Eine Zeitschrift in Form einer Schriftenreihe

Es gibt keine nullenreiche Jubiläumszahl, nicht einmal eine kleine runde, die die Aufmerksamkeit auf die Schweizer Zeitschrift „Archithese“ zöge, sondern nur eine Art von plötzlichem Erstaunen, ausgelöst durch eine schiefe Zahl: Gerade ist Heft 13 erschienen, mit dem hochaktuellen Thema „Las Vegas etc.

Vom Dadamax zum Grüngürtel

Köln, die in unseren Tagen vielgerühmte Kunst- und Museumsstadt, war schon in den zwanziger Jahren kein weißer Fleck mehr auf der Landkarte der modernen Kunst.

In Ehren gescheitert

Die Fernsehbearbeiter des „Stechlin“, Meichsner und Hädrich, scheiterten in Ehren. Ihre Transposition war, alles in allem, redlich, respektvoll und solide.

Er flog so hoch...

Wilhelm Reich: Genialer Spinner – oder Begründer eines neuen wissenschaftlichen Zeitalters?

Kritik in Kürze

Ricarda Huch: „Autobiographische Schriften, Nachlese, Register – Gesammelte Werke“, elfter Band. Die Ausgabe der „Gesammelten Werke“ Ricarda Huchs, herausgegeben von Wilhelm Emrich, 1966 begonnen, liegt mit Band 11 nun abgeschlossen vor.

Jugend im Internat

Das ist noch immer der beste und legitimste Anstoß zum Schreiben: das Gefühl, etwas erfahren zu haben, was sich lohnt weiterzugeben, und das Bedürfnis, es so sagen zu können und zu müssen, daß den Lesern dabei etwas einleuchtet.

Die gekreuzigte Lust

Deschner, Theologe, Philosoph, Literaturkritiker, freier Schriftsteller, hat „ein Kreuz“ mit der Kirche. Er trägt es nicht mit Geduld, sondern im Zorn.

Die schwarze Konkurrenz

Eines haben so verschiedene Berufe wie Bauarbeiter, Installateur, Kfz-Mechaniker, Journalist und Künstler gemeinsam: sie sind überaus „schwarz- und nebenarbeitsintensiv“.

Roulett mit Milliarden

Die Bundesregierung läßt viel erforschen: Es gibt Geld für Bach, Mozart und Haydn, für Kernreaktoren, große Rechner, solare Wärmespender und gasbetriebene Autos.

Mehr Handel – mehr Freiheit

Deutsche und Sowjets verstehen sich immer dann noch am besten, wenn es ums Geschäft geht. Während sich auf politischem und kulturellem Gebiet der Fortschritt bestenfalls im Schneckentempo voran bewegt und zahlreiche Abkommen wegen des leidigen Streits um die Auslegung der Berlin-Verträge auf Eis liegen, hat der Handel zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik in den letzten Jahren einen geradezu stürmischen Aufschwung genommen.

Predigt vor tauben Ohren

Der Untergang der Menschheit fand diesmal in Hannover statt: Hungerkatastrophen, Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften, die im Elend versinken, wurden per Knopfdruck ausgelöst.

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